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Du hast nichts dafür getan

Ich schreibe diesen Text für dich. Nicht für die, die sowieso schon nachdenken. Für dich, der oder dem das alles hier einfach ziemlich egal ist. Die und der bei „Humanismus“ innerlich abschaltet, weil das nach Gutmenschentum klingt, nach Sonntagsrede, nach jemandem, der was verkaufen will. Für dich, die/der durch die Welt geht und sich nie gefragt hat, warum du oben stehst und andere halt nicht. Also, ganz konkret: Du bist hier geboren. Nicht dort. Hier, wo eine Mutter in der Schwangerschaft zum Arzt gehen konnte, statt zu hoffen, dass es schon irgendwie gutgeht. Wo es sauberes Wasser aus der Leitung gab, keine Frage, kein Kampf, einfach da. Wo niemand entscheiden musste, welches Kind heute zu essen bekommt und welches nicht. Du hast das nicht verdient. Du hast dafür nichts getan. Du warst noch nicht mal geboren, als diese Würfel gefallen sind. Der Trick, den du dir selbst erzählst Ich kenne den Trick. Ich falle selbst manchmal drauf rein. Der Trick geht so: Wenn es mir gut geht, dann liegt das an mir. An meinem Fleiß, …

Humanismus ist nicht verhandelbar

Ich verbringe mal wieder paar Tage am See. Für mich besonders schöne Momente, dem Hamsterrad mal für ein paar Tage zu entfliehen, ohne Computer, kein iPad, mit lieben Menschen Zeit verbringen und sich dabei auch ein bisschen nützlich machen. Ich habe mir den Spitznamen Malermeister verdient, weil ich zwischen Virgin White, Danish White, Taubenblau und Caribbean Blue schon viel Farbe verstrichen habe oder auch einfach nur den „Lasör“ gegeben habe, wenn ich frisch verarbeitete Holzbalken gegen Witterungseinflüsse lasierte. Für mich haben diese Anstreicherarbeiten auch durchaus etwas meditatives, da bin ich angelernte Hilfskraft, die versucht, einen vermeintlich einfachen und anspruchslosen, langweiligen, Job so gut wie möglich zu machen. Und während ich so mit dem Pinsel hin und her streiche, lass‘ ich meinen Gedanken freien Lauf…

Wenn Geld leiser wird

Inflation, Kaufkraftverlust und was das für Arbeitnehmer wirklich bedeutet Ich habe nie verstanden, was Menschen dazu treibt, in großen Konzernen zu arbeiten. Das Bild vom kleinen Rädchen in der großen Maschine war für mich immer ein anderes Wort für Hamsterrad – und für den stillen Verlust von dem, was Arbeit eigentlich sein könnte. Bis Gespräche mit Freunden klargemacht haben, was dahintersteckt. Nicht Begeisterung für die Maschine. Sondern Angst vor dem, was passiert, wenn man nicht drin ist. Der Konzern als Versprechen: Sicherheit, Planbarkeit, der Geschäftswagen, die Hausfinanzierung – alles in trockenen Tüchern. Die Zukunft weniger offen, die eigene Familie weniger exponiert. Ich habe das lange nicht nachvollziehen können. Bis ich aufgehört habe, es als Schwäche zu lesen – und es als das erkannt habe, was es ist: eine rationale Antwort auf eine unsichere Welt. Nur dass diese Antwort nicht mehr stimmt. Spätestens als deutsche Vorzeige-Automobilkonzerne Werke schlossen, windige Auffanggesellschaften gründeten und Mitarbeitende mit dem beschönigenden Begriff „sozialverträglich” vor die Tür setzten, war die Illusion weg. Die gefühlte Sicherheit des Konzerns hatte einen Riss bekommen – …

„Sag mal, Jürgen, du kennst auch jeden…”

Der Satz fällt heute Mittag. Wir stehen vorm Spiel am Bölle, also im Böllenfalltor-Stadion, und der Typ neben mir guckt mich an, als hätte er gerade etwas entdeckt, das er nicht ganz einordnen kann. Ich kenn‘ ihn auch. Zum Glück. Und sogar sehr gut. Dabei bin ich hier unter fast 18.780 Menschen. Und natürlich kenne ich nicht 18.779 Menschen. Aber es stimmt auch nicht, dass ich niemanden kenne. Ein paar Leute schon. Und während ich so da rumstehe und mich frage, warum das eigentlich so ist, fange ich an nachzurechnen. Es liegt wahrscheinlich zuerst daran, dass ich – mit paar Jahren fliegender Wechsel Darmstadt – Frankfurt – heute noch in der Stadt wohne, in der ich geboren wurde. Das klingt nach nichts Besonderem — ist es aber, wenn man mal schaut, wie wenige das noch machen. Ich war vielleicht zwei Tage im Kindergarten, das ist alles etwas verschwommen. Aber die Grundschule, die Kirche, die frühen Jahre in irgendeiner Form von organisierter Freizeit — die haben Spuren hinterlassen, auch wenn ich mich an die meisten Menschen …

„Die Jugendhütt‘ bringt sogar den Wolf in die Bütt“

Ei guude wie, ihr liebe Leit,  Jetzt steh ich hier – un bin bereit!  Jahrgang 63 un bald dreiunsechzisch Joahr – jetzt lacht net laut,  des is wie doppelt gemoppelt – awwer so war’s halt gebaut! Sechzisch-drei geboren, dreiunsechzisch alt – des is korrekt,  der liebe Gott hot Humor – des hat der net versteckt!  Un trotzdem fühl ich mich wie zwölf, wenn’s um de Orplid klimmt  – des Herz wird jung, wenn’s um die Jugendhütt‘ bestimmt! Na, ich verzähl eich, wie’s dazu komme is – passt gut uff:  Letschte Dienstag, Vorstandssitzung – ich als Öffi-Mann genuff!  Des Thema war die Jugendhütt – wie’s drum bestellt,  un was wer macht – des war wie aus ner annern Welt! Keener wusst genau Bescheid, keener war zuständisch recht,  awwer GEREDET hawwe alle – des lief net schlecht!  „Die Jugend macht des!“ – „Nee, de Bauausschuss!“ – hin un her,  wie Ping-Pong ohne Ball – ihr wisst schon, was ich mein, oder? Un ich sitz do un denk: „Mensch, DES kenn ich doch gut!  Des is wie früher!“ …