Alle Artikel in: Persönliches & Geschichten

Drei Prozent, oder: Wie ich lernte, der Zahl zu misstrauen

Also. Drei Prozent. Im Schnitt der letzten zehn Jahre, so zirka. Wer nachrechnet, findet das bestätigt, auch wenn die Zahl in Wirklichkeit ein bisschen unruhiger daherkommt, aber das nur nebenbei. Drei Prozent Inflation, Jahr für Jahr, und jeder nimmt das hin wie das Wetter. Es regnet, es ist kalt im Winter, und die Preise steigen. Passt schon. Niemand fragt, warum eigentlich? Ich hab mir die Mühe gemacht, und die Antwort war unbequemer, als ich dachte: Diese drei Prozent sind kein Naturgesetz. Sie sind die Rechnung, die uns unser Wirtschaftssystem stellt, für das wir uns – mehrheitlich, freiwillig, mit Wahlzettel und allem – entschieden haben. Und: Der Kapitalismus ist nämlich keine Maschine, die auch im Stand läuft. Er ist eine Maschine, die nur läuft, wenn sie wächst. Bleibt sie stehen, klemmt‘s schnell: Löhne, Renten, Kredite, Arbeitsplätze, alles ist so verschraubt, dass es nur hält, solange es sich weiterdreht. Und die Inflation ist, grob gesagt, der Schmierstoff, den man braucht, damit sich das Ding nicht selber zerlegt. Und da fängt bei mir das Grübeln an. Weil, wenn …

Wahlrecht und Resignation im Biergarten

28 Grad. Blauer Himmel. Kastanien, die ihr Blätterdach wie einen löchrigen Schirm über den Biergarten halten, einzelne Sonnenstrahlen blitzen durch wie Spotlights, die sich nicht entscheiden können, wen sie beleuchten wollen. Ich sitze da so rum, warte auf Kumpels, habe nichts zu tun außer mein Äppler und meine Ohren. Am Nebentisch: ein älterer Mann, eine junge Frau. Onkel und Nichte, hoffe ich, vielleicht auch Opa und Enkelin. Ich entscheide mich für Letzteres, ohne Beweis, einfach weil es die Geschichte runder macht.

Schreibst du selbst, oder die KI?

Es war eine schöne Unterhaltung. Bisschen Lob (tut immer gut), bisschen Fachsimpelei. Und irgendwann kam die Frage — zweimal, in zwei Varianten. Einmal als Hoffnung formuliert: Ich hoffe, du schreibst das selbst und nicht die KI. Einmal als echte Frage: Schreibst du das alles selbst, oder die KI?

Der Weg ist das Ziel

Schwarzwald · Dreiländereck · Jura · Route Napoléon · Provence · Côte d’Azur — und ein Konzert aus Köln Reisetagebuch · Juni 2026 Irgendwo zwischen Feldberg und Lörrach, auf einer dieser kurvenreichen Schwarzwaldstraßen, die das Navi am liebsten ignorieren würde, läuft Keith Jarrett. NaLa liegt hinten. Und ich fahre zum ersten Mal in meinem Leben nicht ans Mittelmeer — ich fahre durch das Mittelmeer. Der Unterschied, so stellt sich heraus, ist erheblich.

Hoffnung ist eine Entscheidung

Hoffnung ist kein Gefühl – Hoffnung ist eine Entscheidung

Geburtstage haben die — manchmal unangenehme — unangenehme Eigenschaft, ehrlich zu sein. Nicht nur wegen der Anzahl Kerzen auf dem Kuchen — die zähle ich schon lange nicht mehr — sondern wegen der Dinge, die Menschen sagen, wenn sie das Gefühl haben, jetzt darf es einfach mal raus.

Jahrgang 63 wird 63 — und macht sich keine Sorgen dabei

Heute ist es soweit. Ich, Jürgen, Jahrgang 63, werde 63 Jahre alt. Addiert man beides, kommt man auf 126. Das ist ein Witz, den man nicht verstehen muss, weil es eigentlich auch gar nicht witzig ist. Aber er ist meiner, schwirrt mir schon länger durch den Kopf und ich nehm‘ ihn einfach mit.

Das kleine Hamsterrädchen und die Wissenschaft vom Umherschweifen

Das Hamsterrad kenne ich gut. Nicht als abstraktes Gesellschaftsphänomen, sondern als Haushaltsgegenstand mit eigenem Spitznamen. Wir nannten es es manchmal das kleine Hamsterrädchen — liebevoll, ein bisschen selbstironisch, weil wir wussten, dass auch wir nicht vollständig davon freigekommen waren. Wer kommt schon vollständig davon frei?