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Wahlrecht und Resignation im Biergarten

28 Grad. Blauer Himmel. Kastanien, die ihr Blätterdach wie einen löchrigen Schirm über den Biergarten halten, einzelne Sonnenstrahlen blitzen durch wie Spotlights, die sich nicht entscheiden können, wen sie beleuchten wollen. Ich sitze da so rum, warte auf Kumpels, habe nichts zu tun außer mein Äppler und meine Ohren.

Am Nebentisch: ein älterer Mann, eine junge Frau. Onkel und Nichte, hoffe ich, vielleicht auch Opa und Enkelin. Ich entscheide mich für Letzteres, ohne Beweis, einfach weil es die Geschichte runder macht.

Wahlrecht – Sie reden über Wählen und ob das noch was bringt

Er ist resigniert. Mimik wie ein Mann, der seine Wetten schon abgeschlossen hat und weiß, dass er verliert. Sie ist das Gegenteil – aufrecht, Hände in Bewegung, Augen, die nicht müde sind. Das Drehbuch ist schnell klar: Alt gegen Jung, müde gegen wach, raus gegen rein.

Er holt die ganze Liste raus. Alte weiße Männer an der Macht, die den Planeten an die Wand fahren. Mehr Millionäre, mehr Milliardäre, während der kleine Mann am Monatsende nicht mal mehr tanken kann. Scheuer, Spahn, versenkte Millionen, versenkte Verantwortung. Die Parteien, sagt er, seien sich eh alle ähnlich geworden – CDU klingt wie AfD, Volt wie FDP, die SPD nicht mehr sozial, die Grünen nicht mehr ökologisch, die Linke ohnehin unwählbar. Sein Fazit: Wozu also noch hingehen.

Sie lässt das nicht stehen. Wahlrecht, sagt sie, ist kein Service, den man abbestellen kann, wenn er nicht mehr gefällt – es ist ein Grundrecht, das andere für uns erkämpft haben, ein Privileg gegenüber Ländern, die es nicht haben. Und falls ihr wirklich nichts passt: ungültig wählen ist immer noch besser als gar nicht erst hinzugehen. Sie selbst, sagt sie, geht nach dem Ausschlussprinzip vor – streicht, was nicht infrage kommt, engagiert sich für das, was übrig bleibt. Ja, das sei das kleinere Übel. Aber Demokratie ohne Kompromiss gebe es eben nicht. Und wer den Kopf in den Sand steckt, sei nicht mal mehr manipulierbares Stimmvieh – der finde einfach gar kein Gehör mehr. Wer sich engagiert, in einer Partei, einem Ehrenamt, irgendwo in der Zivilgesellschaft, findet Mitstreiter. Wer nur am Stammtisch jammert, hat noch nie etwas verändert.

Ich höre zu und merke etwas Unbequemes: Die junge Frau spricht eher wie meine Tochter. Nicht im Wortlaut, aber im Ton, in der Haltung, in diesem Unwillen, sich die eigene Wirksamkeit kleinreden zu lassen. Eine Generation jünger als ich – und trotzdem näher an meiner Position als der Mann, der eher so mein Jahrgang ist. Wir sitzen vermutlich auf der gleichen Bank der Statistik, er und ich. Optisch wahrscheinlich gar nicht so weit weg von den Opas Waldorf und Stettler aus der Muppet Show – zwei Herren auf dem Balkon, die alles kommentieren und nichts mehr verändern. Vielleicht nicht ganz so schlimm. Aber die Richtung stimmt.

Inhaltlich aber: Lichtjahre.

Das ist die unbequeme Pointe, die ich mir selbst nicht ersparen kann. Ich bin näher an der Resignation des Opas, als mir gefällt. Nicht weil ich seine Argumente teile – ich teile sie definitiv nicht –, sondern weil ich erkenne, wie leicht sich Müdigkeit als Analyse tarnt. „Es ändert sich ja eh nichts“ ist keine politische Position. Es ist eine Stimmung, die sich ein Argument borgt, um nicht wie pure Erschöpfung auszusehen.

Was mich an diesem Nachmittag tröstet, ist nicht, dass die junge Frau gewinnt. Sie gewinnt nicht, jedenfalls nicht sichtbar. Der Opa nickt nicht plötzlich, bekehrt sich nicht, sagt nicht „Du hast recht, ich geh dann doch wählen“. Das Gespräch bleibt offen, ungelöst, reibend. Und genau das ist die eigentliche Nachricht: Zwei Menschen, die sich nicht einig werden, aber trotzdem miteinander reden, ohne dass einer den anderen optimiert, überredet oder zum Schweigen bringt – das ist schon die Übung, um die es geht. Resonanz, nicht Sieg.

Meine Kumpels kommen, die Unterhaltung am Nebentisch verschwindet im allgemeinen Biergartentrubel. Ich werde nie erfahren, ob der Opa am Ende wählen geht. Ich weiß nur: Ich bin an diesem Tisch nicht vorbeigegangen wie an einer von hundert Gesprächskulissen. Etwas davon ist haften geblieben, und zwar nicht bei ihm, dem Resignierten – sondern bei mir.

Anfangen, sagt Hannah Arendt, ist die einzige Antwort auf die Verzweiflung, die uns alle irgendwann einholt. Vielleicht beginnt das nicht an der Wahlurne. Vielleicht beginnt es schon damit, dass man bemerkt, an welchem Tisch man eigentlich sitzt.

Anmerkung des Autors

Natürlich hat diese Situation so nie stattgefunden. Hätte sie aber. So, oder so ähnlich.
Und das Foto ist ja auch kein Foto…

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