Also. Drei Prozent. Im Schnitt der letzten zehn Jahre, so zirka. Wer nachrechnet, findet das bestätigt, auch wenn die Zahl in Wirklichkeit ein bisschen unruhiger daherkommt, aber das nur nebenbei. Drei Prozent Inflation, Jahr für Jahr, und jeder nimmt das hin wie das Wetter. Es regnet, es ist kalt im Winter, und die Preise steigen. Passt schon. Niemand fragt, warum eigentlich?
Ich hab mir die Mühe gemacht, und die Antwort war unbequemer, als ich dachte: Diese drei Prozent sind kein Naturgesetz. Sie sind die Rechnung, die uns unser Wirtschaftssystem stellt, für das wir uns – mehrheitlich, freiwillig, mit Wahlzettel und allem – entschieden haben. Und: Der Kapitalismus ist nämlich keine Maschine, die auch im Stand läuft. Er ist eine Maschine, die nur läuft, wenn sie wächst. Bleibt sie stehen, klemmt‘s schnell: Löhne, Renten, Kredite, Arbeitsplätze, alles ist so verschraubt, dass es nur hält, solange es sich weiterdreht. Und die Inflation ist, grob gesagt, der Schmierstoff, den man braucht, damit sich das Ding nicht selber zerlegt.
Und da fängt bei mir das Grübeln an. Weil, wenn das so ist – wenn dieses System grundsätzlich nur mit Wachstum funktioniert, auf einem Planeten, der bekanntlich nicht mitwächst –, dann ist die eigentliche Frage ja nicht, wie man die drei Prozent kleinkriegt. Die eigentliche Frage ist, ob der Kapitalismus tatsächlich das ist, wofür ihn alle halten: die einzig denkbare Wirtschaftsform. Nicht die beste. Nur die einzig denkbare, weil man sich nichts anderes mehr vorstellen kann, so wie man sich früher die Erde als Scheibe vorgestellt hat, nicht weil das bewiesen war, sondern weil einem nichts anderes eingefallen ist.
Und dann bin ich, wie das bei mir öfter passiert, bei einer Zahl gelandet, die mir eigentlich schon länger verdächtig ist: dem BIP. Bruttoinlandsprodukt. Diese Zahl, die jeden Abend in den Nachrichten mit ernster Stimme verlesen wird, als wäre sie der Gesundheitszustand der Nation. Ist sie aber nicht!
Sie misst nur, wie viel produziert und verkauft wurde. Punkt. Keine Gesundheit, keine Zufriedenheit, kein Zusammenhalt, keine Erschöpfung der Böden, kein Zustand der Flüsse. Ein Stau ist gut fürs BIP, weil er Sprit verbrennt. Eine Krankheit ist gut fürs BIP, weil sie Ärzte bezahlt. Eine Scheidung ist gut fürs BIP, weil man zwei Wohnungen braucht statt einer. Oma zuhause pflegen? Bringt dem VIP nix. Und so weiter und so fort… Man muss sich das einmal langsam durch den Kopf gehen lassen: Die Zahl, an der wir unseren nationalen Erfolg festmachen, freut sich über unser Leid, solange dabei Geld fließt. Und was gut ist und gut tut interessiert nicht.
Das ist jetzt nicht meine Erfindung, das haben Ökonomen längst selber zugegeben, sogar der, der die Zahl erfunden hat – der hat schon in den Dreißigern gewarnt, man solle das BIP bitte nicht mit Wohlstand verwechseln.
Man hat’s trotzdem gemacht. Wahrscheinlich, weil eine wachsende Zahl so schön beruhigend ist. Sie erlaubt allen zu glauben, sie gewinnen, ohne dass irgendwer real etwas verlieren muss. Und genau deshalb passt sie so gut zum Kapitalismus – die Zahl ist nicht zufällig blind für das Individuum und Menschen allgemein, sie ist blind gebaut, weil eine Zahl, die Erschöpfung und Ungleichheit mitzählt, viel unbequemere Fragen aufwirft.
Dabei gibt’s die Alternativen längst, man müsste sie nur mal ernst nehmen wollen. Bhutan (kleines Königreich im Himalaya) misst seit den Siebzigerjahren das „Gross National Happiness“ – mit Umfragen zu Gesundheit, Zeitwohlstand, kultureller Bindung, ökologischer Resilienz, nicht nur zum Kontostand. Neuseeland hat 2019 ein „Wellbeing Budget“ vorgelegt, in dem der Staatshaushalt nicht am BIP-Wachstum, sondern an psychischer Gesundheit, Kinderarmut und Klimazielen ausgerichtet wird. Wales hat mit dem „Well-being of Future Generations Act“ ein Gesetz, das jede politische Entscheidung daran misst, ob sie künftigen Generationen schadet – nicht nur der nächsten Quartalsbilanz. Das sind keine Utopien aus dem Hörsaal, das sind laufende Regierungsprogramme.
Man kann also anders messen
Man will nur meistens nicht, weil die neue Zahl unbequeme Wahrheiten zeigen würde, die die alte Zahl freundlich verschweigt.
Und jetzt zum Teil, der mir persönlich am meisten wehtut, weil er auch mich betrifft. Mich und mein schlechtes Gewissen. Beim Einkauf im Supermarkt. Weniger Fleisch essen. Nicht mehr fliegen. Bewusster leben. Das wird die Welt nicht retten. Das muss man sich eingestehen, so ehrlich wie unangenehm das ist. Wenn ich das Kochkässchnitzel nicht bestelle, ändert sich am globalen CO2-Budget ungefähr gar nichts, das ist nicht einmal eine statistische Rundungsdifferenz. Das System, das wachsen muss, um nicht zu kollabieren, lässt sich nicht durch zehntausend gute Vorsätze umbauen.
Und trotzdem – und das ist jetzt der kritische Punkt, an dem ich mich selbst korrigieren muss, weil ich mir das eben noch anders zurechtgelegt hatte – trotzdem ist das kein Grund, es zu lassen. Weil die Rechnung nur so lange nicht aufgeht, wie man sie allein macht. Ein Mensch, der weniger fliegt, ändert nichts. Aber ein Mensch, der weniger fliegt, und dabei anderen zeigt, dass ein anderes Leben möglich ist, verändert etwas, das keine Statistik erfasst: was in einer Gesellschaft als normal gilt. Und genau dort, nicht in der CO2-Bilanz des Einzelnen, liegt der eigentliche Hebel. Nicht weil meine eine Fahrt mit dem Zug statt dem Flieger das Klima rettet. Sondern weil eine Gesellschaft, in der das plötzlich wieder als selbstverständlich gilt, eine andere Politik wählt, eine andere Wirtschaft verlangt, eine andere Zahl einfordert als das BIP.
Der Kapitalismus hat uns eingeredet, wir seien Konsumenten, die einzeln entscheiden, und ihre Entscheidungen summieren sich zum großen Ganzen. Das ist die bequeme Lüge, mit der jede Verantwortung beim Individuum landet und keine beim System.
Die unbequeme Wahrheit
Wir sind keine Konsumenten, wir sind Bürger, und Bürger ändern Systeme nicht durch Einkaufszettel, sondern indem sie gemeinsam eine andere Zahl an die Wand nageln, an der sich der Staat messen lassen muss.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe: nicht das eigene Leben so lange zu optimieren, bis es klimaneutral ist, sondern laut genug zu werden, dass am Ende nicht mehr das Wachstum die Meßlatte ist – sondern das, was tatsächlich zählt. Nicht irgendeine Zahl in den Nachrichten. Sondern ich, du, wir alle.









