Neueste Artikel

Das Unvollendete: Warum Projekte im Sand verlaufen

Oder: Wie aus einer guten Idee ein schlechtes Gefühl wird

Projekte scheitern selten laut. Im letzten Teil ging es um die Vorgeschichte eines Projekts – darum, wie man als Außenstehender rekonstruiert, was vor einem passiert ist. Aber warum passiert überhaupt so oft dasselbe? Warum verlaufen Projekte im Sand, obwohl am Anfang alle wollten?

Die Antwort ist unbequem: Meistens hat niemand etwas falsch gemacht. Es wurde nur nie richtig angefangen.

Die kühne These

Projektmanagement wird unterschätzt. Besonders im Berufsleben, wenn es fernab der eigentlichen Kernkompetenz stattfindet. Aber auch besonders im Ehrenamt. Egal, welchen Vorstandsposten, welchen Fachbereich jemand übernimmt – die wenigsten haben sich in ihrem bisherigen Leben je mit professionellem Projektmanagement beschäftigt.

Und dann beginnt ein Projekt. Ohne Plan, ohne Struktur, aber mit viel gutem Willen.

Der Fehler, der sich sympathisch anfühlt

Der häufigste Fehler: sofort mit der Umsetzung anfangen. Aktionismus statt Organisation.

Das ist verständlich. Machen fühlt sich nach Fortschritt an. Planen fühlt sich nach Verzögerung an. Wer plant, hat scheinbar noch nichts geschafft. Wer loslegt, kann wenigstens vorzeigen, dass etwas passiert.

Nur: Organisation und Planung produzieren selten sofort sichtbare Ergebnisse. Das ist ihr Wesen, nicht ihr Fehler. Und genau deshalb werden sie so gern übersprungen – zugunsten von etwas, das man vorzeigen kann.

Warum Projekte scheitern, ohne dass es jemand merkt

Der Mangel an Organisation und Planung führt selten dazu, dass gar nichts passiert. Er führt dazu, dass nie etwas fertig wird.

Es wird begonnen. Es wird besprochen. Es wird engagiert diskutiert. Und dann, irgendwann, kommt die erste Hürde – eine, die man mit ein bisschen Vorbereitung hätte kommen sehen. Und weil niemand vorbereitet war, bleibt das Projekt stehen.

Das Tückische daran: Es merkt zunächst niemand. Ein Projekt, das steckenbleibt, endet selten mit einem Knall. Es verblasst. Bis irgendwann der Eindruck entsteht, alle würden nur reden und niemand etwas tun. Motivation geht verloren. Kraft geht verloren. Und beim nächsten Anlauf ist die Skepsis schon eingebaut.

Der Unterschied zwischen Aufgeben und Aufschieben

Nicht jedes unvollendete Projekt ist ein gescheitertes Projekt. Manchmal ist es richtig, ein Vorhaben zu beenden, weil sich die Voraussetzungen geändert haben. Das ist eine Entscheidung.

Das Problem ist das andere: Projekte, die niemand beendet hat und die trotzdem nicht weitergehen. Die in der Schwebe hängen. Die bei jeder Sitzung kurz erwähnt werden – „das müssten wir eigentlich mal wieder angehen“ – und dann wieder verschwinden.

Das ist kein Aufschub. Das ist ein Projekt ohne Besitzer, ohne Zeitpunkt, ohne nächsten Schritt. Und genau das ist der Unterschied zwischen einem Projekt und einer Idee: Ein Projekt hat jemanden, der dafür geradesteht, dass es weitergeht.

Was du mitnehmen kannst

Vier Dinge, die verhindern, dass Projekte scheitern, bevor sie fertig sind:

  1. Plane bewusst, bevor du loslegst. Nicht, weil Planung schöner ist als Machen. Sondern weil sie verhindert, dass die erste Hürde zur letzten wird.
  2. Mach sichtbar, was unsichtbar bleibt. Organisation produziert keine Vorzeigeergebnisse – dokumentiere sie trotzdem, damit klar bleibt, dass etwas passiert.
  3. Gib jedem offenen Projekt einen Besitzer und einen nächsten Schritt. Ein Vorhaben ohne beides ist keine Pause. Es ist der Anfang vom Versanden.
  4. Entscheide bewusst, statt schleichend aufzugeben. Ein Projekt zu beenden ist legitim – solange es eine Entscheidung ist und keine Ausrede.

Zu diesem Thema habe ich an anderer Stelle schon ausführlicher geschrieben, wie sehr ich Unvollendetes hasse. Im nächsten Teil geht es einen Schritt zurück – zu der Frage, die vor jedem Projekt stehen sollte, aber fast immer übersprungen wird: Was wird eigentlich wirklich gebraucht?

Warum „Wir müssen mal“ noch kein Projekt ist

Oder: Was zwei Sätze über den Beginn eines Projekts verraten

Wer ein Projekt starten will, sagt das selten so direkt. Anfragen erreichen mich auf allen möglichen Wegen – telefonisch, per E-Mail, über das Kontaktformular, über Social Media. Und egal, auf welchem Kanal: Diese Serie widme ich Anfragen (im geschäftlichen Umfeld) oder auch Gesprächen (im Ehrenamt), die mit einem dieser Wort beginnen:

Weiterlesen

Manifest der Handlungsmacht

Ich handle, und manches gelingt aus Gründen, die ich nicht vollständig kontrolliere. Aber die Angst zu Scheitern, darf mich nicht lähmen, darf nicht Grund sein, erst gar nicht anzufangen. Aus einem kostbaren Gespräch motiviert versuche ich hier mal mein „Manifest der Handlungsmacht“.

Denn so einfach ist der Unterschied: Nicht zwischen Erfolg und Scheitern. Sondern zwischen Handeln und Warten.

Weiterlesen

Drei Prozent, oder: Wie ich lernte, der Zahl zu misstrauen

Also. Drei Prozent. Im Schnitt der letzten zehn Jahre, so zirka. Wer nachrechnet, findet das bestätigt, auch wenn die Zahl in Wirklichkeit ein bisschen unruhiger daherkommt, aber das nur nebenbei. Drei Prozent Inflation, Jahr für Jahr, und jeder nimmt das hin wie das Wetter. Es regnet, es ist kalt im Winter, und die Preise steigen. Passt schon. Niemand fragt, warum eigentlich?

Ich hab mir die Mühe gemacht, und die Antwort war unbequemer, als ich dachte: Diese drei Prozent sind kein Naturgesetz. Sie sind die Rechnung, die uns unser Wirtschaftssystem stellt, für das wir uns – mehrheitlich, freiwillig, mit Wahlzettel und allem – entschieden haben. Und: Der Kapitalismus ist nämlich keine Maschine, die auch im Stand läuft. Er ist eine Maschine, die nur läuft, wenn sie wächst. Bleibt sie stehen, klemmt‘s schnell: Löhne, Renten, Kredite, Arbeitsplätze, alles ist so verschraubt, dass es nur hält, solange es sich weiterdreht. Und die Inflation ist, grob gesagt, der Schmierstoff, den man braucht, damit sich das Ding nicht selber zerlegt.

Und da fängt bei mir das Grübeln an. Weil, wenn das so ist – wenn dieses System grundsätzlich nur mit Wachstum funktioniert, auf einem Planeten, der bekanntlich nicht mitwächst –, dann ist die eigentliche Frage ja nicht, wie man die drei Prozent kleinkriegt. Die eigentliche Frage ist, ob der Kapitalismus tatsächlich das ist, wofür ihn alle halten: die einzig denkbare Wirtschaftsform. Nicht die beste. Nur die einzig denkbare, weil man sich nichts anderes mehr vorstellen kann, so wie man sich früher die Erde als Scheibe vorgestellt hat, nicht weil das bewiesen war, sondern weil einem nichts anderes eingefallen ist.

Und dann bin ich, wie das bei mir öfter passiert, bei einer Zahl gelandet, die mir eigentlich schon länger verdächtig ist: dem BIP. Bruttoinlandsprodukt. Diese Zahl, die jeden Abend in den Nachrichten mit ernster Stimme verlesen wird, als wäre sie der Gesundheitszustand der Nation. Ist sie aber nicht!

Sie misst nur, wie viel produziert und verkauft wurde. Punkt. Keine Gesundheit, keine Zufriedenheit, kein Zusammenhalt, keine Erschöpfung der Böden, kein Zustand der Flüsse. Ein Stau ist gut fürs BIP, weil er Sprit verbrennt. Eine Krankheit ist gut fürs BIP, weil sie Ärzte bezahlt. Eine Scheidung ist gut fürs BIP, weil man zwei Wohnungen braucht statt einer. Oma zuhause pflegen? Bringt dem VIP nix. Und so weiter und so fort… Man muss sich das einmal langsam durch den Kopf gehen lassen: Die Zahl, an der wir unseren nationalen Erfolg festmachen, freut sich über unser Leid, solange dabei Geld fließt. Und was gut ist und gut tut interessiert nicht.

Das ist jetzt nicht meine Erfindung, das haben Ökonomen längst selber zugegeben, sogar der, der die Zahl erfunden hat – der hat schon in den Dreißigern gewarnt, man solle das BIP bitte nicht mit Wohlstand verwechseln.

Man hat’s trotzdem gemacht. Wahrscheinlich, weil eine wachsende Zahl so schön beruhigend ist. Sie erlaubt allen zu glauben, sie gewinnen, ohne dass irgendwer real etwas verlieren muss. Und genau deshalb passt sie so gut zum Kapitalismus – die Zahl ist nicht zufällig blind für das Individuum und Menschen allgemein, sie ist blind gebaut, weil eine Zahl, die Erschöpfung und Ungleichheit mitzählt, viel unbequemere Fragen aufwirft.

Dabei gibt’s die Alternativen längst, man müsste sie nur mal ernst nehmen wollen. Bhutan (kleines Königreich im Himalaya) misst seit den Siebzigerjahren das „Gross National Happiness“ – mit Umfragen zu Gesundheit, Zeitwohlstand, kultureller Bindung, ökologischer Resilienz, nicht nur zum Kontostand. Neuseeland hat 2019 ein „Wellbeing Budget“ vorgelegt, in dem der Staatshaushalt nicht am BIP-Wachstum, sondern an psychischer Gesundheit, Kinderarmut und Klimazielen ausgerichtet wird. Wales hat mit dem „Well-being of Future Generations Act“ ein Gesetz, das jede politische Entscheidung daran misst, ob sie künftigen Generationen schadet – nicht nur der nächsten Quartalsbilanz. Das sind keine Utopien aus dem Hörsaal, das sind laufende Regierungsprogramme.

Man kann also anders messen

Man will nur meistens nicht, weil die neue Zahl unbequeme Wahrheiten zeigen würde, die die alte Zahl freundlich verschweigt.

Und jetzt zum Teil, der mir persönlich am meisten wehtut, weil er auch mich betrifft. Mich und mein schlechtes Gewissen. Beim Einkauf im Supermarkt. Weniger Fleisch essen. Nicht mehr fliegen. Bewusster leben. Das wird die Welt nicht retten. Das muss man sich eingestehen, so ehrlich wie unangenehm das ist. Wenn ich das Kochkässchnitzel nicht bestelle, ändert sich am globalen CO2-Budget ungefähr gar nichts, das ist nicht einmal eine statistische Rundungsdifferenz. Das System, das wachsen muss, um nicht zu kollabieren, lässt sich nicht durch zehntausend gute Vorsätze umbauen.

Und trotzdem – und das ist jetzt der kritische Punkt, an dem ich mich selbst korrigieren muss, weil ich mir das eben noch anders zurechtgelegt hatte – trotzdem ist das kein Grund, es zu lassen. Weil die Rechnung nur so lange nicht aufgeht, wie man sie allein macht. Ein Mensch, der weniger fliegt, ändert nichts. Aber ein Mensch, der weniger fliegt, und dabei anderen zeigt, dass ein anderes Leben möglich ist, verändert etwas, das keine Statistik erfasst: was in einer Gesellschaft als normal gilt. Und genau dort, nicht in der CO2-Bilanz des Einzelnen, liegt der eigentliche Hebel. Nicht weil meine eine Fahrt mit dem Zug statt dem Flieger das Klima rettet. Sondern weil eine Gesellschaft, in der das plötzlich wieder als selbstverständlich gilt, eine andere Politik wählt, eine andere Wirtschaft verlangt, eine andere Zahl einfordert als das BIP.

Der Kapitalismus hat uns eingeredet, wir seien Konsumenten, die einzeln entscheiden, und ihre Entscheidungen summieren sich zum großen Ganzen. Das ist die bequeme Lüge, mit der jede Verantwortung beim Individuum landet und keine beim System.

Die unbequeme Wahrheit

Wir sind keine Konsumenten, wir sind Bürger, und Bürger ändern Systeme nicht durch Einkaufszettel, sondern indem sie gemeinsam eine andere Zahl an die Wand nageln, an der sich der Staat messen lassen muss.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe: nicht das eigene Leben so lange zu optimieren, bis es klimaneutral ist, sondern laut genug zu werden, dass am Ende nicht mehr das Wachstum die Meßlatte ist – sondern das, was tatsächlich zählt. Nicht irgendeine Zahl in den Nachrichten. Sondern ich, du, wir alle.

Wahlrecht und Resignation im Biergarten

28 Grad. Blauer Himmel. Kastanien, die ihr Blätterdach wie einen löchrigen Schirm über den Biergarten halten, einzelne Sonnenstrahlen blitzen durch wie Spotlights, die sich nicht entscheiden können, wen sie beleuchten wollen. Ich sitze da so rum, warte auf Kumpels, habe nichts zu tun außer mein Äppler und meine Ohren.

Am Nebentisch: ein älterer Mann, eine junge Frau. Onkel und Nichte, hoffe ich, vielleicht auch Opa und Enkelin. Ich entscheide mich für Letzteres, ohne Beweis, einfach weil es die Geschichte runder macht.

Weiterlesen

Schreibst du selbst, oder die KI?

Es war eine schöne Unterhaltung. Bisschen Lob (tut immer gut), bisschen Fachsimpelei. Und irgendwann kam die Frage — zweimal, in zwei Varianten. Einmal als Hoffnung formuliert: Ich hoffe, du schreibst das selbst und nicht die KI. Einmal als echte Frage: Schreibst du das alles selbst, oder die KI?

Weiterlesen