Es war eine schöne Unterhaltung. Bisschen Lob (tut immer gut), bisschen Fachsimpelei. Und irgendwann kam die Frage â zweimal, in zwei Varianten. Einmal als Hoffnung formuliert: Ich hoffe, du schreibst das selbst und nicht die KI. Einmal als echte Frage: Schreibst du das alles selbst, oder die KI?
Ich bin der Frage ausgewichen. Nicht aus Koketterie, nicht weil ich die Antwort nicht sagen wollte, ĂŒsondern weil ich in dem Moment ehrlich gesagt nicht wusste, wie ich sie beantworten soll. Nicht weil die Antwort kompliziert ist â sondern weil die Frage selbst ein Problem hat. Sie setzt voraus, dass es ein klares Entweder-oder gibt. Das gibt es nicht. Und dieser Beitrag ist mein Versuch, das zu erklĂ€ren. Und gleichzeitig eine Antwort auf eine andere Frage, die ich mir seit vielen Jahren stelle: Was lerne ich dabei eigentlich?
Was ist KI ĂŒberhaupt?
Fangen wir vorne an. Meine persönliche Antwort auf die Frage âWas ist KI?â lautet: ein Marketingbegriff. Und momentan die dickste Sau, die durchs Dorf getrieben wird.
Die zugrundeliegende Technologie â Large Language Models â ist nicht neu. Die gibt es seit Jahren. Was sich verĂ€ndert hat, ist die Rechenleistung, getrieben durch Innovationen in der Chip-Entwicklung. Das hat einen Hype ausgelöst, der in seiner IntensitĂ€t bemerkenswert ist. Und wenn ich mir ĂŒberlege, wie viel Geld in dieser Branche unterwegs ist â und ich meine nicht nur Investitionen, sondern auch quer, kreuz und sonst wie finanzierte Bewertungen ohne funktionierende GeschĂ€ftsmodelle â dann wird mir hinsichtlich einer Blase, die auch platzen kann, durchaus Angst und Bange. Die Technologie selbst ist schon Jahrzehnte alt. Dass sich jetzt jeder schlauberger draufstĂŒrzt, macht sie nicht besser. Und nicht schlechter. Aber das ist eine andere Diskussion.
Meine Worschtsupp als Lernprojekt
Bevor ich erklĂ€re, wie der gestrige Beitrag ĂŒber das Köln Concert entstanden ist, muss ich etwas sagen, das mir wichtig ist: Dieser Blog ist seit vielen Jahren nicht mehr und nicht weniger als (m)ein Lernprojekt. Ich lerne, mit Text umzugehen. Ich lerne, mit Bildern umzugehen. Ich lerne, mit Fotografie umzugehen. Ich lerne, mit Apps umzugehen.
Das klingt bescheiden. Ist es auch. Aber es ist ehrlich. Und es erklĂ€rt, warum ich Dinge so mache, wie ich sie mache â auch wenn es umstĂ€ndlicher ist als die bequeme Alternative.
Wie der Beitrag ĂŒber das Köln Concert entstand â App fĂŒr App
Die Idee stammt von mir. Ich befand mich im Auto, fuhr durch den Schwarzwald und hörte Keith Jarrett. Dabei kamen mir Gedanken â in zwei Richtungen. Die eine hat definitiv nichts in meinem Blog verloren. Die andere war eine grobe Erinnerung daran, dass irgendetwas mit dieser Platte Mystisches in Verbindung gebracht wird.
Da ich wĂ€hrend der Fahrt mein Handy nicht mit den HĂ€nden benutze, habe ich App Nummer eins geöffnet: die Notizen-App. Die hat die charmante Eigenschaft, dass ich sprechen kann â sie transkribiert. Das mache ich hĂ€ufig. Ideen festhalten, Gedanken unsortiert reinquatschen, Material fĂŒr spĂ€ter sammeln. Ich lerne dabei, wie ich Gedanken behalte, bevor sie verlorengehen.
Danach bin ich zu App Nummer zwei gewechselt: Perplexity. Ebenfalls per Mikrofon. Ich habe gefragt, was es mit dem Album The Köln Concert auf sich hat, welche Geschichten man sich darum erzĂ€hlt. Perplexity hat geliefert: eine Menge Detailinformationen mit Quellenangaben. Den Text habe ich in meine Notizen kopiert, mit dem Hinweis, dass diese Quellen vor dem Einarbeiten ĂŒberprĂŒft werden wollen. FĂŒr mein Empfinden ist Perplexity keine KI â es ist eine bessere Suchmaschine, mit der ich halbwegs normal schwĂ€tzen kann. Aber das nur am Rande.
App Nummer drei: die Kamera-App meines iPhones. WĂ€hrend ich mich auf den Verkehr konzentrierte, habe ich ein paar Fotos gemacht. Das Plattencover auf dem Display, die Landschaft vor mir. Ein Dutzend Fotos, mit dem Bewusstsein, spĂ€ter eines herauszusuchen. Ich lerne dabei, was ein Bild trĂ€gt â und was nicht. Mache lieber eins zuviel als eins zu wenig.
App Nummer vier: die Foto-App, mit der ich das Bild am Abend bearbeitet habe. Statt meines ĂŒblichen 1500 Ă 1000 Pixel Querformats, habe ich einfach 16:9 gewĂ€hlt und den Ausschnitt gesetzt. Die Foto-App enthĂ€lt sicher Programmcode, der das tut, was viele gerne kĂŒnstliche Intelligenz nennen â automatischer WeiĂabgleich, Szenerkennung, was auch immer. Ich lerne dabei, einhĂ€ndig zu fotografieren und was Bildbearbeitung bedeutet, auch und gerade weil sie rudimentĂ€r bleibt.
App Nummer fĂŒnf: Claude. Dazu gleich mehr.
App Nummer sechs: die WordPress-App, mit der ich den fertigen Beitrag direkt vom iPhone aus bearbeitet und veröffentlicht habe.
App Nummer sieben: die chatGPT-App, Stand heute (12.06.2026) die beste/einfachste Lösung zur Bilderstellung; Titelbild fĂŒr diesen Beitrag.
Sieben Apps. Alle mobil. Alle auf dem Smartphone. Und bei jeder einzelnen lerne ich etwas â ĂŒber das Werkzeug, ĂŒber den Prozess, ĂŒber mich selbst als Autor.
Erinnerungen kann man nicht prompten
Was zwischen App eins und App fĂŒnf passiert ist, lĂ€sst sich nicht delegieren. Todtnau tauchte auf â nicht weil ein Algorithmus es fĂŒr relevant hĂ€lt, sondern weil Todtnau fĂŒr mich mehr ist als ein Ort. Skiurlaube aus meiner Kindheit. Erlebnisse aus dem Wolfschen Rudel. Und spĂ€testens nach dem Tod von Vater und Mutter, als Familie beisammen saĂ und Fotoalben blĂ€tterte, waren genau diese Urlaube wieder prĂ€sent. Das alles ging mir durch den Kopf. Ich habe es laufen lassen â und dann wohl temperiert entschieden, was in die Notizen kommt und was ich lieber fĂŒr mich behalte.
Das ist Autorschaft. Nicht das Tippen. Die Entscheidung, was bleibt und was nicht. Was öffentlich wird und was privat. Was ich erzÀhle und wie weit ich dabei an den Wind gehe.
KreativitÀt ist keine Wahrscheinlichkeitsrechnung
Hier liegt der eigentliche Kern. Neben Erfahrung und gelebtem Leben ist es vor allem KreativitĂ€t, die einen Autor ausmacht â und die sich fundamental von dem unterscheidet, was Large Language Models tun.
Stochastik berechnet das Wahrscheinlichste. KreativitĂ€t tut das Gegenteil: Sie setzt Dinge zusammen, die noch niemand so zusammengesetzt hat. Nicht weil es statistisch naheliegt, sondern weil ein GespĂŒr â eine Intuition â sagt: Genau das. Genau jetzt. Genau so.
Dieser Impuls, Gedanken zu haben und sie in einer individuellen, unvorhersehbaren Form zu verbinden, lĂ€sst sich nicht prompten. Das Mosaiksteinchen, das ich fĂŒr den Artikel ĂŒber das Köln Concert aus meinem Leben herausgegriffen habe, ist nicht zufĂ€llig. Es passt, weil es meins ist. Weil es aus einem ganz konkreten Fundus stammt: aus Jahrzehnten Erfahrung, aus Erinnerungen, die nur ich habe, aus Momenten, die niemand sonst so erlebt hat.
Ein Sprachmodell kann weltweit gesammelte Buchstaben zu SÀtzen zusammensetzen. Was es nicht kann: intuitiv genau dieses Mosaiksteinchen wÀhlen, weil es zu diesem Leben passt. Weil es wahr ist. Weil es sitzt.
Das nenne ich bewusst nicht Intelligenz â das Wort ist verbraucht und in diesem Kontext ohnehin unscharf. Aber es ist eine Form von Können, die aus gelebtem Leben wĂ€chst und sich jedem Algorithmus entzieht.
Besonders dann, wenn ich liefere. Wenn das Ergebnis das Licht der Welt erblickt hat nd nicht digital auf einer Festplatte verschimmelt.
Der stochastische Papagei
Technisch gesehen sind Large Language Models das, was Forscherinnen um Emily Bender und Timnit Gebru in ihrem viel diskutierten Paper von 2021 als stochastic parrots bezeichnet haben: stochastische Papageien. Systeme, die auf Basis von Wahrscheinlichkeiten Sprachfragmente zusammensetzen â ohne Erfahrung, ohne Erinnerung, ohne gelebtes Leben dahinter.
Der Begriff trifft es gut. Ein Papagei kann sprechen. Er weiĂ nicht, was er sagt. Er hat keine Geschichte. Keine Intuition. Keinen Grund, genau diese Worte in genau dieser Reihenfolge zu wĂ€hlen â auĂer dem, dass sie statistisch passen.
Die beste Kamera ist die, die man dabei hat
Ich erinnere mich an einen Vortrag von Sascha Lobo â es war, eine Veranstaltung im Darmstadtium in Darmstadt, ich war selbst dabei, das genaue Jahr ist mir entfallen. Lobo sagte sinngemĂ€Ă, dass sich die meistgenutzte Kamera innerhalb von nur drei Jahren fundamental gewandelt hatte: von einer Nikon Coolpix ĂŒber das iPhone hin zu Instagram.
Was er damit illustrierte: Der Wandel ging nicht nur von einem GerĂ€t zum nĂ€chsten, sondern schlieĂlich zu einer Plattform. Die Kamera war irgendwann nicht mehr das GerĂ€t, das Bilder macht â sondern das Netzwerk, in dem sie geteilt werden. Das fand ich damals bemerkenswert. Ich finde es heute noch bemerkenswert.
Und es beschreibt etwas, das ich auch in meiner eigenen Arbeit erlebe: Die Werkzeuge verĂ€ndern sich. Die Frage ist, ob man lernt, mit ihnen umzugehen â oder ob man darauf wartet, dass jemand einen Knopf mit der Aufschrift KI drĂŒckt, der alles vereinfacht. Komfort und Einfachheit â zumal (vermeintlich) kostenlos â lassen grĂŒĂen.
Und dann kommt Claude
Was ich bis zur fĂŒnften App hatte: eine gewachsene Notiz, Erinnerungen, Recherchefragmente, Gedanken, Beobachtungen, ein Foto. Das alles ist meins. Die Idee. Die Auswahl. Die kreative Intuition, die aus Jahrzehnten Erfahrung destilliert, welches Mosaiksteinchen passt â und welches nicht.
Was ich dann mache, ist das, was wir frĂŒher Kreationsbriefing genannt hĂ€tten. Ich formuliere einen Prompt â diktiert in die Notizen-App, ausgeschnitten, an den Anfang des Dokuments gesetzt â und weise so die Redakteurin an, was sie aus diesem Textbrocken bitte machen soll: Ton, Struktur, Zitate, PrĂŒfauftrĂ€ge. Was dann entsteht, ist kein neues Wissen. Es ist keine neue Erfahrung. Es ist Stochastik. Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ein Werkzeug, das aus dem, was ich geliefert habe, das Wahrscheinlichste macht. Lesbar. Strukturiert.
Und ich schaue drĂŒber. Korrigiere. Entscheide, was bleibt. Und bringâ es auf die BĂŒhne. Auch das ist Lernen.
HÀtte ich den Desktop benutzt, wÀre dieser Beitrag so nicht entstanden
Das ist keine Ăbertreibung. HĂ€tte ich gestern Abend den komfortablen Desktop mit seinen gewohnten Programmen aufgemacht â ein anderer Editor, eine andere Bildbearbeitung, ein anderer Veröffentlichungsweg â hĂ€tte ich an keiner einzigen Stelle auf einen Knopf mit der Aufschrift KI drĂŒcken mĂŒssen, der mir irgendetwas vereinfacht, verbessert oder erleichtert. Alles wĂ€re bequemer gewesen.
Und ich hÀtte nichts gelernt.
Die Entscheidung, sieben Apps mobil auf dem Smartphone zu benutzen â von der Sprachnotiz ĂŒber die Recherche, die Kamera, die Bildbearbeitung, die Redaktion bis zur Veröffentlichung mit der WordPress-App plusâs Bild ohne Maler â ist keine Entscheidung fĂŒr UmstĂ€ndlichkeit. Es ist eine bewusste Entscheidung fĂŒr Lernen. Eine, die ich erst nach sehr vielen Jahren und sehr viel Erfahrung so treffen kann. Weil ich weiĂ, was ich dabei gewinne.
Also: Schreibe ich selbst, oder die KI?
Die Frage setzt ein Entweder-oder voraus, das es nicht gibt.
Die Idee ist von mir. Die Erinnerungen sind von mir. Die KreativitĂ€t, die aus einem lebenslangen Fundus intuitiv das Richtige wĂ€hlt, ist von mir. Die Entscheidung, was öffentlich wird, ist von mir. Der Ton ist von mir. Die Verantwortung fĂŒr das Gedruckte ist von mir. Die Begleitung des Projekts von der ersten Idee ĂŒber Produktion bis zur Veröffentlichung ist von mir.
Die Werkzeuge â alle sieben â helfen mir dabei. Heute sind es Sprachmodelle, frĂŒher war es die Schreibmaschine. Der Autor diktierte, die SekretĂ€rin tippte. Der Journalist schrieb, der Redakteur redigierte. Claude ist ein Werkzeug. Ein energiefressendes, bemerkenswert leistungsfĂ€higes Werkzeug. Aber kein Autor.
KI ist zwar kĂŒnstlich â aber keine Intelligenz. Sie ist ein Werkzeug, das heute Autoren hilft, wie frĂŒher die Schreibmaschine half. Wie der Redakteur half. Wer schreibt, ist derjenige, der die Geschichte hat. Der die Erinnerungen hat. Der die Intuition hat, aus allem das Richtige zu wĂ€hlen.
Ich schreibe selbst. Mit Werkzeugen. Und ich lerne dabei.
So wie es Autoren immer getan haben.
