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Langsamkeit lernen

Der dritte Tag. Grenoble. Stau.

Ich sitze im Auto, NaLa schläft hinter mir, vor mir bewegt sich nichts, und zum ersten Mal auf dieser Reise fühlt sich das nicht wie verlorene Zeit an. Sondern wie der Moment, in dem ich endlich ankomme — nicht am Ziel, sondern bei mir selbst.

Das hat drei Tage gedauert. Drei Tage für eine Erkenntnis, die eigentlich der Sinn der ganzen Reise sein sollte. Und ich bin nicht enttäuscht. Ich bin neugierig. Das ist der Unterschied zwischen jemandem, der Urlaub macht, und jemandem, der dabei auch noch etwas über sich lernen will.

45 Jahre sind eine lange Zeit

Ich fahre seit 45 Jahren Auto. Seit ich mit 18 den Führerschein gemacht habe. Seitdem sitze ich selbst am Steuer — im Alltag, auf Geschäftsreisen, und im Urlaub. 45 Jahre lang, jedes Mal. Jetzt bin ich 63.

Das sind keine 45 Jahre Erfahrung. Das sind 45 Jahre eingeschliffene Gewohnheit. Der Unterschied ist beträchtlich.

Die Idee für diese Reise klang einfach. Statt 1.100 Kilometer in 10 Stunden auf der Autobahn — 1.500 Kilometer in 25 Stunden auf Landstraßen. Der Weg als Ziel. Keine Autobahn, keine optimierte Route, kein Ankommen als Maßstab. Banal, eigentlich. Eine simple Entscheidung: anders fahren als sonst.

Was ich unterschätzt habe: Wer 45 Jahre lang auf eine bestimmte Art in Urlaub fährt, bewegt sich mit einer so simplen Planänderung auf vollkommen unbekanntem Terrain. Nicht geografisch. Innerlich.

Vom Ankommen als Gewohnheit

Tag eins: Darmstadt bis Schwarzwald, fünf Stunden, Quartier. Tag zwei: Schwarzwald, Elsass, ein paar Kilometer Schweiz, Burgund, Chalon-sur-Saône, Zeltplatz belegt, weitergefahren, zufällig einen wunderbaren anderen direkt am Fluss gefunden. Tag drei: Aufbruch Richtung Grenoble, Route Napoléon, schneebedeckte Gipfel vor mir — ich will ans Meer und fahre auf Berge zu. Hä?

Nüchtern betrachtet wäre ich mit Autobahnen längst am Ziel sein können. Das Autopilot-Hirn hat zwei Tage lang einfach weitergemacht wie immer. Fahren, um anzukommen.

Die Neurowissenschaft würde sagen: völlig normal. Gewohnheiten sind keine Entscheidungen — sie sind Abkürzungen. Das Gehirn lagert wiederkehrende Verhaltensmuster aus, damit es sich um Wichtigeres kümmern kann. Das spart Energie. Das funktioniert wunderbar. Und das ist genau das Problem, wenn man eigentlich etwas anderes vorhat. Etwa 43 Prozent aller täglichen Verhaltensweisen laufen laut Gewohnheitsforscherin Wendy Wood aus reiner Routine ab — ohne bewusste Entscheidung. Urlaub fahren gehört dazu. Ankommen wollen auch.

Ich beobachte das an mir selbst mit einer Mischung aus Belustigung und echtem Interesse. Nicht um mich zu kritisieren. Sondern weil genau das der Grund ist, warum ich solche Reisen mache: um zu sehen, wie ich funktioniere. Was ich tue, wenn ich nicht nachdenke. Was passiert, wenn die Routine stärker ist als der Plan. Kann ich es einfach laufen lassen?

Sten Nadolny hat das schon 1983 gewusst

Sten Nadolnys Roman Die Entdeckung der Langsamkeit erzählt die Geschichte von John Franklin — einem Mann, der in einer Gesellschaft lebt, die ihn wegen seiner Langsamkeit missversteht, und der gerade dadurch einen Weg findet, den Schnelle nicht gehen können. Das Buch ist über 40 Jahre alt und fühlt sich heute aktueller an als damals.

Ich habe es nicht mitgenommen auf diese Reise — ich habe auch keine Kamera mitgenommen, aus ähnlichen Gründen. Aber der Titel hat mich auf dieser Fahrt nicht losgelassen: Die Entdeckung der Langsamkeit. Nicht das Üben, nicht das Erlernen. Die Entdeckung. Als wäre Langsamkeit etwas, das man finden muss — nicht etwas, das man einfach beschließt.

Genau das ist passiert. Ich habe sie nicht beschlossen. Ich habe sie am dritten Tag zufällig entdeckt. Heute, im Stau in Grenoble.

Die Kamera liegt zu Hause

In einem Magazin, das ich auf dem Flug nach Kanada in Urlaub mit meiner Tochter gelesen habe, stand ein Satz, der mich seitdem verfolgt: Select moments, not things. Deshalb habe ich die Kamera eingepackt. Und dann wieder ausgepackt. Bewusst.

Diese Reise fährt mich durch Landschaften, die fotografisch kaum zu überbieten sind. Kleine Dörfer im Burgund, Fachwerkhäuser im Elsass, Feldwege, die ins Nichts führen, schneebedeckte Alpengipfel, die im Sommer absurd und grandios zugleich aussehen. Ich könnte pausenlos anhalten und Bilder festhalten, Fotos sammeln. Ich tue es nicht. Ich sammle Momente. Oder versuche es zumindest — und beobachte dabei, wie schwer das fällt, wenn man 45 Jahre lang anders unterwegs war.

Das ist schwerer als gedacht. Im Bus liegen seit Jahren ein altes Paar Schuhe und Gummistiefel — für genau solche Momente. Mal raus, aussteigen, mit dem Hund durch Feld, Wald und Wiesen laufen. Den Moment erleben, genießen. Habe ich noch nie gemacht. Nicht einmal auf dieser Reise, die ich genau dafür konzipiert hatte.

Das nennt man nicht Faulheit. Das nennt man eine Gewohnheit, die stärker ist als eine gute Absicht. Und das zu bemerken — das ist für mich bereits ein Lernerfolg.

Was mit 63 anders ist — und was nicht

Ich bin alt genug, um zu wissen, dass ich Routinen habe. Und neugierig genug, um das noch irritierend zu finden.

Was mich an diesem dritten Tag beschäftigt: Ich habe diese Reise nicht geplant, um Langsamkeit zu üben. Ich habe sie geplant, um sie zu erleben — und um dabei etwas über mich zu lernen. Der Unterschied ist beträchtlich. Üben setzt voraus, dass man weiß, was man tut. Lernen setzt voraus, dass man hinsieht, was man tatsächlich tut.

Und was ich in den ersten zwei Tagen getan habe, war: meine Gewohnheiten freien Lauf lassen. Ohne es zu merken. Das ist der interessante Teil — nicht als Vorwurf, sondern als Befund. 45 Jahre Muster setzen sich durch, auch wenn man es nicht will. Auch wenn man es eigentlich besser weiß. Auch wenn man 63 ist und glaubt, sich selbst ganz gut zu kennen.

Heute, am dritten Tag, komme ich im Urlaub an. Nicht am Campingplatz. In der Umsetzung meines Plans. Und ich freue mich auf die nächsten Tage so sehr wie seit Langem nicht mehr auf einen Urlaub — weil ich jetzt wirklich gespannt bin, was passiert, wenn ich aufhöre anzukommen und anfange, da zu sein.

Die Gummistiefel liegen noch im Bus. Morgen früh bleiben die auch dort. Denn bei knapp 30° kann ich auch noch n Flipflops rausgehen.