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Verfügbar war ich immer. Resonant nicht.

Es gibt diesen einen Moment, in dem ein Leben, von dem du dachtest, du hättest es im Griff, es sei solide gebaut – würde immer so weitergehen – sich als Trugschluß entpuppt. Dahinter: Nix.

Ich will hier nicht erzählen, was passiert ist. Das ist meine Sache, und sie bleibt es. Nur so viel: Es gab einen Bruch, und in diesem Bruch saß ich über ein Jahr stumpf in der Ecke bevor ich mich auf dem Weg aus eben dieser Ecke machte.

Ich habe mich viel mit Philosophie und Soziologie beschäftigt, man kann fast sagen: geflüchtet. Dabei kam mir häufiger ein Typ namens Hartmut Rosa unter, den ich zu Beginn ganz nah an der Grenze zur Esoterik verortet habe. Fälschlicherweise, wie ich heute bekenne.

Es gibt zwei Stimmen in mir, die sich seitdem unterhalten. Nennen wir sie das alte Ich und das neue Ich. Das alte Ich glaubt an Sicherheit durch Routinen, da ist Kontrolle nicht weit weg. Das neue Ich, als Rosa-Ultra, hat gelernt, dass genau das der Anfang vom Ende ist.

Das alte Ich: Routine ist Sicherheit

Ich wurde nicht müde im Freundes- und Bekanntenkreis, aus einer solide-funktionierenden Beziehung heraus, die Meinung zu vertreten „Liebe ist Arbeit, Arbeit, Arbeit.“ (frei nach Harpe Kerkeling) und sobald man aufhört, an der Beziehung zu arbeiten, geht sie vor die Hunde. Damit ging ich vielleicht auch manchen ziemlich auf die Socken. Dumm nur, dass ich das für mich selbst, meine Beziehung, nicht befolgt habe. Das alte Ich hat jahrelang gedacht: zu Hause läufts, meistens besser als schlechter, wenn auch gerade eher schlechter…

Das neue Ich widerspricht. Wenn eine Beziehung zur Routine wird, zur reinen Normalität, um die sich niemand mehr aktiv bemüht, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sie irgendwann den Bach runtergeht. Nicht weil jemand böswillig war. Sondern weil Routine das genaue Gegenteil von Resonanz ist. Ich hatte ein neues Wort, einen neuen Begriff, ein neues Verständnis gelernt: Resonanz. Resonanz verlangt, dass beide Seiten mit eigener Stimme sprechen. Routine verlangt das nicht. Routine verlangt nur, dass man weiterhin auftaucht.

Das alte Ich hat permanentes, routiniertes Auftauchen mit Beziehung verwechselt. Lange.

Das alte Ich: Verfügbarkeit schafft Sicherheit

Hier wird es persönlich, also genau richtig. Das alte Ich war immer da. Erreichbar, präsent, verlässlich wie ein Fahrplan. Ständige Präsenz, dachte das alte Ich, ist der Beweis von Liebe. Mit mit genug davon klappt auch die Beziehung.

Heute sagt der „Rosa-Ultra“ in mir: Verfügbarkeit führt zur Vereinnahmung. Ständige Präsenz gaukelt eine Sicherheit vor, die es so gar nicht gibt – und die man besser vermeiden sollte, weil sie das Fundament porös macht. Nicht stabilisiert. Porös. Bis es irgendwann zerbricht.

Das ist die unangenehme Pointe von Rosas Unverfügbarkeit: Nicht das Fehlen von Nähe zerstört Beziehungen, sondern der Versuch, sie vollständig herzustellen, abzusichern, verfügbar zu machen. Wer den anderen komplett besitzt, hat ihn schon verloren – weil da, wo alles verfügbar ist, nichts mehr antworten kann. Es gibt keine Stimme mehr, nur noch ein Echo der eigenen Erwartung.

Das alte Ich: Verlustangst als Dauerzustand

Das alte Ich hat Angst gehabt. Vor dem Verlassenwerden. Vor dem Beziehungslos-Sein. Vor dem Verschwinden des eigenen Wertekanons, falls der andere geht.

Das neue Ich hat dazu eine fast schon brutale Klarheit entwickelt: Wenn meine Frau mich verlassen hat, brauche ich keine Angst mehr davor zu haben, verlassen zu werden. Die Angst davor, keine Beziehungen mehr zu haben – erledigt, die Realität ist längst eingetreten. Die Angst, dass der Inhalt meines Wertekanons verschwindet – auch erledigt, er ist noch da, ich bin noch da. All diese Ängste waren sinnlos. Nicht weil sie unberechtigt waren, sondern weil sie sich gegen etwas richteten, das schon passiert war. Man kann sich nicht vor der Vergangenheit fürchten. Man kann sie nur verstehen.

Hätte ich diese Klarheit vorher gehabt, wäre sie produktiv gewesen. Stattdessen war sie Lähmung. Das ist die Ironie an Verlustangst: Sie schützt vor nichts, was kommt. Sie verhindert nur, dass man lebt, bevor es kommt.

Das alte Ich: Liebe verdient man sich

Das alte Ich hat funktioniert, geliefert, sich angestrengt. In der Annahme, dass Liebe wie ein Vertrag funktioniert: Leistung gegen Zuwendung.

Liebe verdient man sich nicht. Das ist keine romantische Floskel, das ist die nüchterne Konsequenz aus allem, was Rosa über Resonanz schreibt. Resonanz ist kein Echo auf Leistung. Sie ist eine Antwortbeziehung, die sich nicht erzwingen, kaufen oder durch Anstrengung herstellen lässt. Nähe entsteht nicht durch Kontrolle. Sie entsteht durch Offenheit für Überraschung, für Fremdheit, für Veränderung – also für genau das, was das alte Ich am meisten gefürchtet hat.

Was bleibt vom alten Ich

Nichts Dramatisches. Das alte Ich ist nicht gestorben, es ist nur leiser geworden. Es meldet sich noch, wenn ich versucht bin, festzuhalten, eine Situation zu kontrollieren, eine Unsicherheit wegzuregeln, statt sie auszuhalten. Aber der „Rosa-Ultra“ hat inzwischen die Mehrheit im Raum.

Und jetzt zur Arbeit

Es wäre billig, diesen Text bei der Privatkrise enden zu lassen, denn die Resonanztheorie hat mir auch in meiner Rolle als Geschäftsführer und Führungskraft etwas zu sagen – und das nicht nur metaphorisch.

Das alte Ich als Führungskraft glaubte an Steuerung. An Reporting-Linien, an engmaschige Kontrolle, an die Idee, dass Vertrauen etwas ist, das man sich durch lückenlose Information erkauft. Wer alles weiß, was im Team passiert, hat alles im Griff – so die Logik.

Das neue Ich weiß: Genau dieses Verfügbarmachen-Wollen ist das, was Vertrauen zerstört. Mitarbeitende, die sich permanent kontrolliert fühlen, hören irgendwann auf, mit eigener Stimme zu sprechen. Sie liefern dann nur noch das, was erwartet wird. Das ist keine Resonanz, das ist Dienst nach Vorschrift mit freundlichem Gesicht.

Resonante Führung bedeutet, Räume zu schaffen, in denen ein Team antworten kann – mit eigener Meinung, eigenem Widerstand, eigener Initiative – statt nur zu funktionieren. Das ist unbequemer als Kontrolle. Es bedeutet, auszuhalten, dass man nicht alles vorhersehen kann, und dass genau das die Bedingung dafür ist, dass überhaupt etwas Lebendiges entsteht. Eine Mitarbeiterin, die man komplett verfügbar gemacht hat, liefert Berichte. Eine Mitarbeiterin, der man Unverfügbarkeit zugesteht – also echte Eigenständigkeit –, liefert Ideen.

Ich führe heute weniger über Kontrolle und mehr über Vertrauensvorschuss. Nicht, weil ich das in einem Seminar gelernt hätte. Sondern weil mir die eigene Biografie gezeigt hat, was passiert, wenn man versucht, etwas vollständig verfügbar zu machen, das nur lebendig bleiben kann, wenn man es nicht tut.

Der Bach, von dem am Anfang die Rede war: Er fließt übrigens weiter. Auch ohne, dass ich ihn kontrolliere.