Alle Artikel in: Gesellschaft & Politik

Kama Muta trifft Werbung

Thomas Schubert saß im Kino, neben sich seine Tochter, auf der Leinwand lief „Transformers“. An die Szene erinnert er sich nicht mehr. Nur an das Gefühl: ein wohliges Kribbeln im Bauch, Tränen, weil es plötzlich so schön war. Der Psychologe aus Oslo beschloss, diesem Gefühl auf den Grund zu gehen – und stieß dabei auf ein Phänomen, das mich aktuell schwer fesselt. Und je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer erkenne ich das Muster: Kama Muta Werbung, wohin ich schaue. Das Gefühl, das jetzt einen Namen hat Gemeinsam mit der Psychologin Beate Seibt und dem Anthropologen Alan Fiske aus Los Angeles durchsuchte Schubert die Wortschätze mehrerer Sprachen nach einem passenden Begriff für diesen Kinomoment. Duden, Oxford Dictionary, Altgriechisch, Latein – nirgends ein Treffer. Fündig wurden sie erst im Sanskrit: Kama Muta (काममूत), „von Liebe bewegt“. Zehn Jahre ist das inzwischen her, mehr als 30 Studien auf Pubmed tragen den Begriff heute im Titel. Kama Muta, das ist das plötzliche Gefühl von Nähe, Zugehörigkeit oder Verbundenheit, das uns überkommt, wenn wir Liebe oder Güte beobachten …

Manifest der Handlungsmacht

Ich handle, und manches gelingt aus Gründen, die ich nicht vollständig kontrolliere. Aber die Angst zu Scheitern, darf mich nicht lähmen, darf nicht Grund sein, erst gar nicht anzufangen. Aus einem kostbaren Gespräch motiviert versuche ich hier mal mein „Manifest der Handlungsmacht“. Denn so einfach ist der Unterschied: Nicht zwischen Erfolg und Scheitern. Sondern zwischen Handeln und Warten.

Drei Prozent, oder: Wie ich lernte, der Zahl zu misstrauen

Also. Drei Prozent. Im Schnitt der letzten zehn Jahre, so zirka. Wer nachrechnet, findet das bestätigt, auch wenn die Zahl in Wirklichkeit ein bisschen unruhiger daherkommt, aber das nur nebenbei. Drei Prozent Inflation, Jahr für Jahr, und jeder nimmt das hin wie das Wetter. Es regnet, es ist kalt im Winter, und die Preise steigen. Passt schon. Niemand fragt, warum eigentlich? Ich hab mir die Mühe gemacht, und die Antwort war unbequemer, als ich dachte: Diese drei Prozent sind kein Naturgesetz. Sie sind die Rechnung, die uns unser Wirtschaftssystem stellt, für das wir uns – mehrheitlich, freiwillig, mit Wahlzettel und allem – entschieden haben. Und: Der Kapitalismus ist nämlich keine Maschine, die auch im Stand läuft. Er ist eine Maschine, die nur läuft, wenn sie wächst. Bleibt sie stehen, klemmt‘s schnell: Löhne, Renten, Kredite, Arbeitsplätze, alles ist so verschraubt, dass es nur hält, solange es sich weiterdreht. Und die Inflation ist, grob gesagt, der Schmierstoff, den man braucht, damit sich das Ding nicht selber zerlegt. Und da fängt bei mir das Grübeln an. Weil, wenn …

Wahlrecht und Resignation im Biergarten

28 Grad. Blauer Himmel. Kastanien, die ihr Blätterdach wie einen löchrigen Schirm über den Biergarten halten, einzelne Sonnenstrahlen blitzen durch wie Spotlights, die sich nicht entscheiden können, wen sie beleuchten wollen. Ich sitze da so rum, warte auf Kumpels, habe nichts zu tun außer mein Äppler und meine Ohren. Am Nebentisch: ein älterer Mann, eine junge Frau. Onkel und Nichte, hoffe ich, vielleicht auch Opa und Enkelin. Ich entscheide mich für Letzteres, ohne Beweis, einfach weil es die Geschichte runder macht.

Hoffnung ist eine Entscheidung

Hoffnung ist kein Gefühl – Hoffnung ist eine Entscheidung

Geburtstage haben die — manchmal unangenehme — unangenehme Eigenschaft, ehrlich zu sein. Nicht nur wegen der Anzahl Kerzen auf dem Kuchen — die zähle ich schon lange nicht mehr — sondern wegen der Dinge, die Menschen sagen, wenn sie das Gefühl haben, jetzt darf es einfach mal raus.

Ausloggen. Für immer. Oder wenigstens ein bisschen.

Manchmal stehe ich bewusst im Regen. Heute zum Beispiel. (Beitragsbild: Blick auf Mathildenhöhe/Hochzeitsturm, Darmstadt, 11. Mai 2026, 11:50 Uhr · Quelle: foto-webcam.eu/webcam/darmstadt-ost) Zwei Artikel haben mich heute Morgen erwischt. Nicht aufgeweckt — erwischt. Das ist ein Unterschied. Der eine ist ein Interview, das die ZEIT mit Beti Hohler geführt hat, Richterin am Internationalen Strafgerichtshof. Eine Frau, die ihren Job gemacht hat — Recht gesprochen, Haftbefehle geprüft, Verfahren begleitet — und dafür von Donald Trump persönlich auf eine Sanktionsliste gesetzt wurde. Dieselbe Liste, auf der auch Hamas-Terroristen stehen. Innerhalb von 24 Stunden waren ihre Kreditkarten gesperrt, kurz danach Amazon, PayPal, Airbnb, schließlich ihre Apple-ID. Ihr Smartphone wurde unbrauchbar. Ihr Laptop. Alles, was an US-Infrastruktur hing. Was sie darüber sagt, bleibt hängen: „Was heute noch funktioniert, funktioniert morgen vielleicht schon nicht mehr.“ (Beti Hohler, ZEIT Nr. 18/2026) Der andere Artikel kommt von Perspective Daily. Dirk Walbrühl schreibt dort klug und ohne übertriebene Hysterie darüber, warum das, was Beti Hohler passiert ist, im Prinzip jeden treffen kann. Nicht weil alle auf Sanktionslisten landen. Sondern weil die Infrastruktur, auf die wir uns …

Tempo – oder die Kunst, die richtige Geschwindigkeit zu finden

Es gibt Sätze, die ich nicht mehr hören kann. Nicht weil sie falsch wären. Nicht weil ich sie nicht verstehe. Sondern weil sie so oft als Deckel benutzt werden, um Töpfe zuzuhalten, unter denen gar nichts kocht. „Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie sind.“ „Wir dürfen niemanden verlieren.“ Ich kenne diese Sätze. Ich habe diese Sätze selbst gesagt. Und irgendwann habe ich aufgehört, sie zu sagen – weil mir aufgefallen ist, dass sie in erschreckend vielen Gesprächen nicht als Einladung zur Empathie gemeint waren, sondern als Einladung zum Stillstand. Als elegante Begründung dafür, dass man eben nichts tun muss. Nichts verändern. Nichts wagen. Weil: die anderen kommen ja noch nicht mal mit. Dabei ist die Frage, die dahintersteckt, eigentlich eine der interessantesten überhaupt: Welche Geschwindigkeit ist die richtige? Ich spreche schnell. Das ist bekannt. Ich denke beim Sprechen. Oder: Ich spreche, während ich denke. Das ist nicht dasselbe, klingt aber oft so. Wer mir beim Reden zuschaut, sieht manchmal einen Menschen, der seinen eigenen Gedanken um eine halbe Sekunde hinterherläuft – und trotzdem, …