Alle Artikel in: Praxis trifft Theorie

Schreibst du selbst, oder die KI?

Es war eine schöne Unterhaltung. Bisschen Lob (tut immer gut), bisschen Fachsimpelei. Und irgendwann kam die Frage — zweimal, in zwei Varianten. Einmal als Hoffnung formuliert: Ich hoffe, du schreibst das selbst und nicht die KI. Einmal als echte Frage: Schreibst du das alles selbst, oder die KI?

Das kleine Hamsterrädchen und die Wissenschaft vom Umherschweifen

Das Hamsterrad kenne ich gut. Nicht als abstraktes Gesellschaftsphänomen, sondern als Haushaltsgegenstand mit eigenem Spitznamen. Wir nannten es es manchmal das kleine Hamsterrädchen — liebevoll, ein bisschen selbstironisch, weil wir wussten, dass auch wir nicht vollständig davon freigekommen waren. Wer kommt schon vollständig davon frei?

Ausloggen. Für immer. Oder wenigstens ein bisschen.

Manchmal stehe ich bewusst im Regen. Heute zum Beispiel. (Beitragsbild: Blick auf Mathildenhöhe/Hochzeitsturm, Darmstadt, 11. Mai 2026, 11:50 Uhr · Quelle: foto-webcam.eu/webcam/darmstadt-ost) Zwei Artikel haben mich heute Morgen erwischt. Nicht aufgeweckt — erwischt. Das ist ein Unterschied. Der eine ist ein Interview, das die ZEIT mit Beti Hohler geführt hat, Richterin am Internationalen Strafgerichtshof. Eine Frau, die ihren Job gemacht hat — Recht gesprochen, Haftbefehle geprüft, Verfahren begleitet — und dafür von Donald Trump persönlich auf eine Sanktionsliste gesetzt wurde. Dieselbe Liste, auf der auch Hamas-Terroristen stehen. Innerhalb von 24 Stunden waren ihre Kreditkarten gesperrt, kurz danach Amazon, PayPal, Airbnb, schließlich ihre Apple-ID. Ihr Smartphone wurde unbrauchbar. Ihr Laptop. Alles, was an US-Infrastruktur hing. Was sie darüber sagt, bleibt hängen: „Was heute noch funktioniert, funktioniert morgen vielleicht schon nicht mehr.“ (Beti Hohler, ZEIT Nr. 18/2026) Der andere Artikel kommt von Perspective Daily. Dirk Walbrühl schreibt dort klug und ohne übertriebene Hysterie darüber, warum das, was Beti Hohler passiert ist, im Prinzip jeden treffen kann. Nicht weil alle auf Sanktionslisten landen. Sondern weil die Infrastruktur, auf die wir uns …

„Sag mal, Jürgen, du kennst auch jeden…”

Der Satz fällt heute Mittag. Wir stehen vorm Spiel am Bölle, also im Böllenfalltor-Stadion, und der Typ neben mir guckt mich an, als hätte er gerade etwas entdeckt, das er nicht ganz einordnen kann. Ich kenn‘ ihn auch. Zum Glück. Und sogar sehr gut. Dabei bin ich hier unter fast 18.780 Menschen. Und natürlich kenne ich nicht 18.779 Menschen. Aber es stimmt auch nicht, dass ich niemanden kenne. Ein paar Leute schon. Und während ich so da rumstehe und mich frage, warum das eigentlich so ist, fange ich an nachzurechnen. Es liegt wahrscheinlich zuerst daran, dass ich – mit paar Jahren fliegender Wechsel Darmstadt – Frankfurt – heute noch in der Stadt wohne, in der ich geboren wurde. Das klingt nach nichts Besonderem — ist es aber, wenn man mal schaut, wie wenige das noch machen. Ich war vielleicht zwei Tage im Kindergarten, das ist alles etwas verschwommen. Aber die Grundschule, die Kirche, die frühen Jahre in irgendeiner Form von organisierter Freizeit — die haben Spuren hinterlassen, auch wenn ich mich an die meisten Menschen …

Tempo – oder die Kunst, die richtige Geschwindigkeit zu finden

Es gibt Sätze, die ich nicht mehr hören kann. Nicht weil sie falsch wären. Nicht weil ich sie nicht verstehe. Sondern weil sie so oft als Deckel benutzt werden, um Töpfe zuzuhalten, unter denen gar nichts kocht. „Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie sind.“ „Wir dürfen niemanden verlieren.“ Ich kenne diese Sätze. Ich habe diese Sätze selbst gesagt. Und irgendwann habe ich aufgehört, sie zu sagen – weil mir aufgefallen ist, dass sie in erschreckend vielen Gesprächen nicht als Einladung zur Empathie gemeint waren, sondern als Einladung zum Stillstand. Als elegante Begründung dafür, dass man eben nichts tun muss. Nichts verändern. Nichts wagen. Weil: die anderen kommen ja noch nicht mal mit. Dabei ist die Frage, die dahintersteckt, eigentlich eine der interessantesten überhaupt: Welche Geschwindigkeit ist die richtige? Ich spreche schnell. Das ist bekannt. Ich denke beim Sprechen. Oder: Ich spreche, während ich denke. Das ist nicht dasselbe, klingt aber oft so. Wer mir beim Reden zuschaut, sieht manchmal einen Menschen, der seinen eigenen Gedanken um eine halbe Sekunde hinterherläuft – und trotzdem, …

Werte vs. Handeln: Vom Sonnenaufgang zur Selbstverpflichtung – oder: Warum wir oft gegen unser besseres Wissen leben

Heute Morgen stand ich auf meinem Balkon. Die Sonne kam gerade über den Horizont gekrochen, noch ein bisschen verschlafen, wie ich selbst. Und dann kam er wieder, dieser Gedanke, der mich immer wieder überfällt wie ein ungebetener, aber hartnäckiger Gast: Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hatten so viele Menschen Zugang zu so viel Wissen. Und trotzdem – oder gerade deswegen? – klafft eine riesige Lücke zwischen unseren Werten und unserem Handeln.