Das Hamsterrad kenne ich gut. Nicht als abstraktes Gesellschaftsphänomen, sondern als Haushaltsgegenstand mit eigenem Spitznamen. Wir nannten es es manchmal das kleine Hamsterrädchen — liebevoll, ein bisschen selbstironisch, weil wir wussten, dass auch wir nicht vollständig davon freigekommen waren. Wer kommt schon vollständig davon frei?
Nur: Manche drehen sich eifriger drin als andere. Und manche merken es nicht mal.
Ich habe in meinem Auto ein Paar alte Turnschuhe und ein Paar Gummistiefel. Der Plan dahinter klingt wunderbar: Irgendwann fahre ich irgendwo lang, sehe eine Wiese, einen Hügel, ein Waldstück — und bin gewappnet. NaLa schnappe ich mir, raus aus dem Auto, rein ins Gelände. Ob über eine Schafwiese oder durch einen sprudelnden Bach, das entscheidet dann die Topographie. Tatsächlich gemacht habe ich das bisher sehr, sehr selten. Aber die Schuhe liegen trotzdem hinten drin. Die Absicht zählt. Vielleicht auch schon ein bisschen.
Raus aus dem Hamsterrad
Was ich tatsächlich konsequent mache: Jeden Tag zwei Stunden mit NaLa das Hamsterrad verlasen. Und wir gehen selten die gleiche Runde. Vor jeder Runde überlegen wir — wobei „wir” vor allem bedeutet, dass ich überlege und NaLa die Leine in eine Richtung zieht — in welche Himmelsrichtung wir starten. Kein fester Plan, keine eingespielte Route. Manchmal landen wir beim Bäcker, manchmal im Biergarten, meistens einfach irgendwo, wo wir noch nicht so oft waren. Das klingt nach wenig. Es ist aber erstaunlich viel.
Dazu kommt, dass meine Selbstständigkeit von Haus aus wenig mit täglich gleichem Ort zu tun hat: Kunden besuchen, Veranstaltungen, Shootings, das selbst gewählte Out-of-Home-Office. April und Oktober versuche ich, von irgendwo anders zu arbeiten — nicht immer im Volumen des Arbeitsvertrags, aber dafür gibt es ja Überstunden und Urlaubsanspruch.
Lebensplan trifft Wissenschaft
Dass das möglicherweise nicht nur Lebensqualität ist, sondern auch Neurobiologie, hat mich dann doch neugierig gemacht.
Ein Forschungsteam aus New York und Miami hat über mehrere Monate den Alltag von 122 Personen via GPS-Daten verfolgt und dabei regelmäßig abgefragt, wie es den Leuten geht. Das Ergebnis, kurz zusammengefasst: Wer im Alltag viele verschiedene Orte aufsucht, fühlt sich tendenziell besser. Das klingt zunächst nicht überraschend — Bewegung ist gut, frische Luft sowieso. Interessanter wird es bei dem, was die Studie genauer zeigt: Es kommt nicht einfach darauf an, wie viel man sich bewegt, sondern wie unterschiedlich die besuchten Orte sind. Nicht der bloße Ortswechsel macht den Unterschied, sondern die qualitative Verschiedenartigkeit der Umgebungen — unterschiedliche Sozialstrukturen, andere Bevölkerungsdichten, andere Gesichter, andere Geräusche.
Und die Hirnforschung liefert dazu gleich noch einen Hinweis: Bei Personen, bei denen diese Alltagsvielfalt besonders stark mit guter Stimmung zusammenhing, zeigten sich stärkere Verbindungen zwischen Hippocampus und ventralem Striatum — also zwischen dem Teil, der für Orientierung und Lernen zuständig ist, und dem Belohnungssystem. Das Gehirn belohnt offenbar das Umherschweifen. Es scheint dafür gebaut zu sein. (Heller et al., Nature Neuroscience, 2021)
Was ich daraus mache? Nichts Großes. Ich werde nicht den Finger heben und auf Menschen zeigen, die fünfmal die Woche die gleiche Strecke von der Wohnung zur Arbeit bestenfalls eine halbe Stunde mit dem Auto zurücklegen und am Samstag zuverlässig Hausordnung, Altglascontainer und Supermarkt absolvieren. Das ist ihr Leben, ihr Rhythmus, vielleicht ihr Frieden.
Ich wundere mich nur. Still, für mich.
Und ich schaue auf die Turnschuhe im Kofferraum und denke: Nächste Woche. Wirklich.
Inspiriert aus einem Artikel im „Katapult-Magazin“. Heller, A. S., Shi, T. C., Ezie, C., Reneau, T. R., Baez, L. M., Gibbons, C. J. & Hartley, C. A. (2021). Association between real-world experiential diversity and positive affect relates to hippocampal-striatal functional connectivity. Nature Neuroscience, 24, 664–674.

Und kleiner Tipp für ängstliche Menschen: So machst du es natürlich auch deinen Entführern schwerer, dich im Hamsterrädchen auf der ständig selben Route abzupassen.
Funktioniert – ich schwör!
Beweis gefällig?
Ich bin das beste Beispiel, weil noch nie entführt worden.