Normalerweise kommen die besten Ideen unter der Dusche. Heute war das anders.
Heute bin ich mit einer Idee unter die Dusche gegangen. Beziehungsweise mit einem Wort. Das Wort lautete: unvollendet.
Erster Gedanke: Symphonie. Beethoven. Die Unvollendete. — Ich musste kurz nachschauen. Es war Schubert. Was beweist, dass man auch mit vierzig Jahren Berufserfahrung noch Dinge nachschlagen sollte, bevor man sie erzählt. Aber egal. Schubert hat seine 8. Symphonie nicht fertiggestellt, weil er vorher gestorben ist. Nachvollziehbarer Grund. Ich akzeptiere das.
Was ich nicht akzeptiere: wenn Projekte sterben, obwohl alle Beteiligten noch quicklebendig sind.
Auslöser war ein Gespräch. Jemand sagte — beiläufig, im Nebensatz — er fange viele Dinge an und bringe sie irgendwie nicht zu Ende. Verschieben, vergessen, liegenlassen. Das kam mir so bekannt vor, dass ich kurz geschluckt habe. Nicht weil es mich an andere erinnert hat. Sondern weil es mich an mich erinnert hat.
Dazu gleich mehr.
Unvollendet gibt es überall. Im Leben, in der Arbeit, im Kühlschrank. Meistens ist es nicht schlimm. Eine angefangene Packung Cracker, ein halbgelesenes Buch, ein Vorsatz, der es bis Februar geschafft hat — damit kann ich leben.
Aber ein Projekt? Das Menschen Energie, Zeit, Ideen und manchmal wirklich brennenden Ehrgeiz gekostet hat — und dann einfach im Nebel verschwindet, weil niemand mehr hinschaut, niemand mehr nachhakt, niemand mehr dran glaubt oder der Vorgesetzte gewechselt hat oder irgendwer auf der Couch Feierabend haben wollte?
Das ist keine Schlampigkeit. Das ist eine Form von Respektlosigkeit.
Das Problem heißt meistens: fehlende Projektleitung.
Nicht fehlendes Projektmanagement — dieses Wort klingt nach amerikanischem Lehrbuch und hängt bei manchen Menschen sofort ab. Ich meine etwas Simplers: Es muss jemanden geben, der den Hut aufhat. Eine Person. Die verantwortlich zeichnet. Die einen Raum schafft, in dem alle wissen, worum es geht, wohin die Reise geht, was von wem erwartet wird — und die dafür sorgt, dass dieses Projekt irgendwann fertig ist. Nicht perfekt. Fertig.
Wenn alle verantwortlich sind, ist keiner verantwortlich. Das klingt wie ein Kühlschrankmagnet, stimmt aber trotzdem.
Ich kenne Projekte, die nach zwei Jahren einfach eingestellt wurden. Keine Erklärung, kein Ergebnis, kein Abschluss. Fünfundzwanzig Leute raus, weil das Ding „nicht mehr gebraucht wird“. Keiner weiß warum. Und diese fünfundzwanzig Menschen loggen sich morgens ein — Home Office, acht Uhr, Laptop an — und haben buchstäblich nichts mehr, womit sie sich identifizieren können.
Was das mit jemandem macht? Ich weiß es nicht genau. Aber ich habe eine Vermutung. Und die hat wenig mit Ressourcenverschwendung zu tun — obwohl das natürlich auch zutrifft — und viel damit, was Menschen brauchen, um morgens aufzustehen: das Gefühl, dass das, was sie tun, irgendwo landet. Dass es jemanden interessiert. Dass es zählt.
Unvollendete Projekte sagen das Gegenteil. Laut und deutlich.
Und jetzt zu mir.
Ich habe selbst FlipChafrt-Blätter an Wände gehängt. Ideen gepostet, Briefings verschickt, Räume geöffnet — und dann? Dann habe ich mich umgedreht. Und irgendwann, wenn nach einem halben Jahr nichts passiert war, habe ich das Blatt mit einem inneren Knurren wieder abgerissen und stilleicht anderen die Schuld gegeben.
War bequemer als die Erkenntnis: Ich war der schlechte Projektleiter. Ich hatte den Raum aufgemacht und den Schlüssel stecken lassen. Das ist kein Vorwurf an andere. Das ist schlicht: Selbsterkenntnis. Kam spät, aber sie kam.
Unvollendet ist kein Schicksal. Es ist meistens eine Entscheidung — oft keine bewusste, aber trotzdem eine.
Und das Gegenmittel ist kein kompliziertes System, kein agiles Framework, kein Kurs mit Zertifikat. Es ist jemand, der sagt: Ich mache das fertig. Oder ich sage ehrlich, dass ich es nicht kann — und übergebe den Staffelstab, bevor er auf den Boden fällt.
Schubert hatte keine Wahl. Wir meistens schon.
Das war ein Gedanke, der unter der Dusche anfing. Ob er fertig ist? Ich bin mir nicht sicher. Aber er hat zumindest ein Ende.
