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Spontanität und Willkür — oder: Die hässliche Schwester

Es gibt Wörter, die im Grunde dasselbe beschreiben und trotzdem in völlig verschiedenen moralischen Zonen landen. Spontanität ist so ein Wort. Willkür auch.

Die eine feiern wir, die andere fürchten wir. Und wenn du genauer hinschaust, siehst du: Die beiden sind näher verwandt, als es auf den ersten Blick scheint.

Spontanität ist sympathisch

Fangen wir mit der Spontanität an, weil sie das Sympathischere ist. Die Industriegesellschaft hat den Menschen in ein dichtes Netz aus Routinen, Terminen und Erwartungen eingebunden. Man steht auf, wann man aufstehen muss. Man isst, wann die Mittagspause es erlaubt. Man ruht sich aus, wann der Urlaub genehmigt wurde. Das Leben läuft nach Plan — und irgendwann fragt man sich, wessen Plan das eigentlich ist.

Spontanität ist die kleine Rebellion dagegen. Der ungeplante Abstecher (Stichwort: Gummistiefel im Kofferraum). Das unerwartete Telefonat. Der Impuls, der sich durchsetzt, bevor der Verstand ihn wegorganisieren kann. Spontanität sagt: Ich handle aus mir heraus, nicht weil es so vorgesehen ist. Das fühlt sich nach Freiheit an — weil es Freiheit ist.

Ist Willkür unsympathisch?

Jetzt zur Willkür. Die hat strukturell dasselbe Problem — oder dieselbe Tugend, je nachdem.

Ein Herrscher, der willkürlich regiert, handelt auch ohne Regel, ohne externe Bestimmung, ohne Vorhersehbarkeit. Er erlässt heute ein Gesetz und morgen das Gegenteil. Er bevorzugt diesen, bestraft jenen — nicht nach Prinzip, sondern nach Laune. Auch er handelt aus sich heraus, ungebunden. Trump lässt grüßen.

Und trotzdem würde niemand sagen: Toll, wie spontan!

Der Unterschied ist nicht die Struktur. Der Unterschied ist die Machtposition.

Spontanität trifft vor allem denjenigen, der sie ausübt — oder andere, die sich entziehen können. Sie passiert auf Augenhöhe, im eigenen Leben, ohne Zwang. Willkür hingegen trifft Menschen, die keine Wahl haben. Das Machtgefälle ist die entscheidende Variable. Dieselbe Ungebundenheit, dieselbe Unvorhersehbarkeit — aber eine davon ist befreiend, die andere ist eine Form von Gewalt.

Man könnte es so formulieren: Spontanität ist die Willkür des Machtlosen. Willkür ist die Spontanität des Mächtigen.

Es gibt noch einen zweiten Unterschied, der subtiler ist, aber genauso wichtig.

Und wie steht es um die Authentizität?

Spontanität gilt als authentisch. Sie ist echter Impuls, unverfälschter Ausdruck. Man tut etwas, weil man es gerade will — nicht weil man es soll, nicht weil man beeindrucken möchte. Das ist der Grund, warum sie so geschätzt wird: Sie verspricht, dass da ein Mensch ist, kein Aufführender, kein Zirkusäffchen das macht, was es gesagt bekommt.

Willkür dagegen ist meistens das Gegenteil von authentisch. Sie ist nicht Ausdruck von Charakter, sondern von Laune — und Laune ist das, was übrig bleibt, wenn Charakter fehlt. Der willkürlich handelnde Mächtige drückt sich selbst aus, ja — aber was er ausdrückt, ist oft wenig mehr als: Ich tue es, weil ich es kann. Weil ich es mir leisten kann. Das sehen wir in Politik, Firma, Ehrenamt und Beziehung.

Und das macht die Willkür so hässlich. Nicht weil sie frei ist. Sondern weil sie Freiheit nimmt. Nämlich die der anderen.

Interessant wird es an den Rändern meiner Betrachtung.

Denn: Sobald jemand Macht über andere hat und anfängt, diese Macht spontan auszuüben — ohne Prinzip, ohne Berechenbarkeit, ohne Verantwortung — ist der Übergang fließend. Der Chef, der heute großzügig und morgen unberechenbar ist. Die Mutter, die mal alles erlaubt und mal alles verbietet. Der Vereinsvorstand, der macht was er will. Spontanität in Machtpositionen hat einen Preis, den andere bezahlen.

Kann Spontanität in Willkür umschlagen?

Und kann Willkür manchmal sympathisch wirken? Auch das. Wenn jemand aus dem Korsett bürokratischer Regelwerke ausbricht und einfach das Vernünftige tut, sich für die Gemeimschaft einsetzt — auch das trägt gelegentlich Züge von Willkür. Dann nennen wir es aber meistens Mut. Also: Vorsicht und gut hin schauen!

Die Grenze zwischen den beiden ist also nicht fest. Sie verschiebt sich mit der Frage: Wer trägt die Konsequenzen?

Wenn du sie selbst trägst — meist Spontanität.

Wenn andere sie tragen müssen — meistens Willkür.

Die hässliche Schwester ist nicht hässlich, weil sie frei ist. Sie ist hässlich, weil ihre Freiheit auf Kosten anderer geht. Und das ist, wenn man ehrlich ist, keine Freiheit mehr. Sondern nur ein anderer Name für Macht.

Ob das eine Schwester ist, die man loswerden kann — oder ob sie immer auftaucht, sobald Macht im Spiel ist — das ist eine andere Frage. Und wahrscheinlich keine, auf die du jemals eine befriedigende Antwort bekommst.