Zuletzt aktualisiert am 1. September 2026 um 16:24
Ich verbringe mal wieder paar Tage am See.
FĂŒr mich besonders schöne Momente, dem Hamsterrad mal fĂŒr ein paar Tage zu entfliehen, ohne Computer, kein iPad, mit lieben Menschen Zeit verbringen und sich dabei auch ein bisschen nĂŒtzlich machen. Ich habe mir den Spitznamen Malermeister verdient, weil ich zwischen Virgin White, Danish White, Taubenblau und Caribbean Blue schon viel Farbe verstrichen habe oder auch einfach nur den âLasörâ gegeben habe, wenn ich frisch verarbeitete Holzbalken gegen WitterungseinflĂŒsse lasierte. FĂŒr mich haben diese Anstreicherarbeiten auch durchaus etwas meditatives, da bin ich angelernte Hilfskraft, die versucht, einen vermeintlich einfachen und anspruchslosen, langweiligen, Job so gut wie möglich zu machen. Und wĂ€hrend ich so mit dem Pinsel hin und her streiche, lassâ ich meinen Gedanken freien LaufâŠ
Ja, ab und zu schaue ich nach NaLa, die manchmal in meiner NĂ€he liegt oder auch die Kundschafterin gibt und schaut, was hier sonst noch so los ist.
Aber ansonsten stehâ ich da und streiche von links nach rechts, von oben nach unten und dann wieder von links nach rechtsâŠ

Fast hĂ€tte ich jetzt mein T-Shirt mit Farbe versaut. Ein schwarzes T-Shirt mit einer Knollenpezz drauf, das auch schon auf YouTube Karriere gemacht hat. Also Knollenpezz ist hessisch und korrekt heiĂt das Ding wohl Bolzenschneider. Ein T-Shirt, das ich mir auf einem Konzert von Kettcar gekauft habe, ein Konzert, bei dem der LeadsĂ€nger Marcus Wiebusch einen Satz sagte, der mir seither im Kopf geblieben ist: âHumanismus, ist nicht verhandelbarâ.
Und schon kreisen meine Gedanken um das Wort Humanismus. Klar, hab ich geklatscht. Aber was ist das eigentlich? Was bedeutet das fĂŒr mich?
Woher kommt der Satz?
Zuerst suche ich das Original, wann und wo ist der zum ersten mal gesagt worden?
Gesagt hat ihn Wiebusch zum ersten Mal 2017, direkt nach âSommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ â einem Song vom Album âIch vs. Wir“, der die Fluchtbewegung von 1989 neben die von 2015 stellt. FĂŒr den Song, erzĂ€hlte Wiebusch spĂ€ter, habe sich die Band âviel ScheiĂe anhören mĂŒssen“. Und dann, nach dem letzten Akkord, dieser eine Satz als Antwort auf die Kritik: Humanismus ist nicht verhandelbar.
Was mich ĂŒberrascht hat: Er hat es nicht bei diesem einen Mal belassen. Der Satz taucht seitdem immer wieder auf â ich selbst habe ihn in Frankfurt und in Wiesbaden live gehört. Fast zehn Jahre liegen zwischen erster und vorerst letzter belegter Nennung. Derselbe Satz, dieselben vier Worte.
Das ist das Erste, was mich an der Sache interessiert: Ein Satz, der sich ĂŒber eine so lange Zeit nicht abnutzt, weil er ihn immer wieder braucht. Nicht, weil ihm nichts Neues einfĂ€llt. Sondern weil sich offenbar nichts an der Notwendigkeit geĂ€ndert hat, ihn zu sagen.
Eine Haltung, keine Meinung
Wiebusch selbst hat mehrfach prĂ€zisiert, was er meint: Freiheit, Liebe, Menschlichkeit, WertschĂ€tzung â das sind fĂŒr ihn keine Positionen unter anderen, ĂŒber die man auf Augenhöhe diskutieren könnte. Sie stehen auĂerhalb der Verhandlungsmasse. Ein Kettcar-Konzertbericht aus Köln bringt es so auf den Punkt: FĂŒr die Band steht das auĂer Frage. âFĂŒr manch andere leider nicht.“
Das ist ein interessanter Kniff, den ich beim Nachdenken erst verstanden habe. Wer sagt âHumanismus ist nicht verhandelbar“, verweigert damit implizit die Debatte darĂŒber, ob MenschenwĂŒrde relativ ist, ob Menschlichkeit eine Frage der Perspektive ist. Er erklĂ€rt eine bestimmte Position zur Grundlage, auf der Debatte ĂŒberhaupt erst stattfinden kann â nicht zu einem Gegenstand der Debatte selbst.
Ich kenne das GefĂŒhl, das dahintersteckt. Ich habe es nur nie so knapp formuliert bekommen.
Was das mit mir zu tun hat
Ich bin nicht auf der BĂŒhne, und ich schreibe keine Popsongs. Aber die Frage, was fĂŒr einen selbst nicht verhandelbar ist, stelle ich mir immer wieder â auch im Rahmen meiner eigenen Agenda 2030, bei der ich durchgehe, welche Rollen ich behalte, welche ich abgebe, welche ich neu denke.
Und da merke ich: Manches davon ist tatsĂ€chlich verhandelbar. Arbeitszeiten, Honorare, Formate, sogar manche Kundenbeziehung â alles Gegenstand von GesprĂ€chen, von Kompromissen, von Weiterentwicklung. Aber ein paar Dinge sind es eben nicht. Faire Bezahlung meiner Leute zum Beispiel. Transparenz, wenn etwas schieflĂ€uft â Konflikte werden bei mir nicht heimlich unter den Teppich gekehrt, nur weil das bequemer wĂ€re. Und die Haltung, dass ein Mensch, der bei mir oder mit mir arbeitet, ein Mensch bleibt und kein austauschbarer Kostenfaktor wird. Humankapital ist fĂŒr mich ein Unwort.
Das klingt jetzt gröĂer, als es ist. Es sind keine weltbewegenden Prinzipien. Aber sie sind meine Version von ânicht verhandelbar“ â die kleinen, alltĂ€glichen Nicht-Verhandelbarkeiten einer Kommunikationsagentur in Darmstadt, verglichen mit Wiebuschs groĂem, politisch aufgeladenem Satz auf einer KonzertbĂŒhne. Trotzdem: dieselbe Bewegung. Etwas aus der Debatte herausnehmen, weil man es fĂŒr die Grundlage hĂ€lt, auf der man ĂŒberhaupt erst debattieren kann.
Die Kehrseite
Ganz unkritisch will ich den Satz aber nicht stehen lassen. âNicht verhandelbar“ darf nicht zu einer bequemen Formel verkommen, um sich der Auseinandersetzung zu entziehen. Wer zu schnell erklĂ€rt, ein Thema stehe âauĂer Frage“, verweigert manchmal auch das Zuhören. Das ist die Gefahr an jeder Haltung, die sich selbst fĂŒr alternativlos hĂ€lt â auch an einer, mit der ich im Grunde sympathisiere.
Ich glaube trotzdem, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer bequemen Immunisierung und einer ehrlich verteidigten Grenze. Der Unterschied liegt vermutlich darin, ob man bereit ist zu erklĂ€ren, warum etwas nicht verhandelbar ist und dazu steht, Haltung bezieht â oder ob man sich nur weigert, ĂŒberhaupt zu antworten.
Wiebusch erklÀrt es. Immer wieder, seit Gast zehn Jahren, in denselben vier Worten. Vielleicht ist genau das der Punkt: Eine Haltung, die man stÀndig wiederholen muss, ist keine Phrase. Sie ist eine Erinnerung an sich selbst.
Was bei euch nicht verhandelbar ist â darĂŒber wĂŒrde ich gern mehr lesen, als ich selbst zu sagen weiĂ.
Quellen:
- Review: Humanismus ist nicht verhandelbar â Kettcar im Ringlokschuppen (be-subjective.de)
- Marcus Wiebusch â SOUNDS & BOOKS
- Hamburger Band Kettcar punktet beim Burgfest mit Texten â Esslinger Zeitung
- Kettcar: âHumanismus ist nicht verhandelbar“ â kultur-kritik.net
- Marcus Wiebusch â Facebook-Post zu Sea-Watch-Prozess
- Kettcar â Gute Laune, ungerecht verteilt â laut.de
