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Du hast nichts dafür getan

Ich schreibe diesen Text für dich. Nicht für die, die sowieso schon nachdenken. Für dich, der oder dem das alles hier einfach ziemlich egal ist. Die und der bei „Humanismus“ innerlich abschaltet, weil das nach Gutmenschentum klingt, nach Sonntagsrede, nach jemandem, der was verkaufen will. Für dich, die/der durch die Welt geht und sich nie gefragt hat, warum du oben stehst und andere halt nicht.

Also, ganz konkret: Du bist hier geboren. Nicht dort. Hier, wo eine Mutter in der Schwangerschaft zum Arzt gehen konnte, statt zu hoffen, dass es schon irgendwie gutgeht. Wo es sauberes Wasser aus der Leitung gab, keine Frage, kein Kampf, einfach da. Wo niemand entscheiden musste, welches Kind heute zu essen bekommt und welches nicht. Du hast das nicht verdient. Du hast dafür nichts getan. Du warst noch nicht mal geboren, als diese Würfel gefallen sind.

Der Trick, den du dir selbst erzählst

Ich kenne den Trick. Ich falle selbst manchmal drauf rein. Der Trick geht so: Wenn es mir gut geht, dann liegt das an mir. An meinem Fleiß, meiner Cleverness, meinem Biss. Das haben wir so gelernt. Und wenn es anderen schlecht geht, dann liegt es eben auch an ihnen. Sie hätten sich halt mehr anstrengen müssen. Woanders geboren werden, klar, aber was kann ich dafür.

Das ist bequem. Und das ist auch falsch, und du weißt das, wenn du ehrlich bist. Niemand hat sich seine Eltern ausgesucht, sein Geburtsland, die Krankenversorgung, die im Umkreis von zwanzig Kilometern zur Verfügung stand, als er zur Welt kam. Das war reiner Zufall. Lotterie. Und die Lotterie läuft weiter, jeden Tag, für Millionen Mütter, die genau in diesem Moment nicht das haben, was für dich selbstverständlich war, bevor du auch nur einen einzigen Gedanken fassen konntest.

Wer das ignoriert, um sich besser zu fühlen, betrügt sich selbst. Und tut so, als hätte er sein Leben verdient wie eine Note für eine Prüfung, die selbst geschrieben wurde. Hast du nicht. Du hast sie geschenkt bekommen.

Warum das dich etwas angeht

Vielleicht denkst du jetzt: schön und gut, aber was hat das mit mir zu tun. Ich lebe mein Leben, ich habe meine Sorgen, ich schulde niemandem etwas.

Doch. Meiner Meinung nach schuldest du etwas. Nicht in Euro, nicht als Ablasshandel, mit dem du dich freikaufst. Sondern als Haltung. Als Blick, den du auf andere Menschen richtest, die weniger Glück hatten als du. Ein Mindestmaß an Achtung vor deren Leben, das genauso viel wert ist wie deins – nur eben ohne die Startbedingungen, die dir zugefallen sind, ohne dass du auch nur einen Finger dafür gerührt hättest.

Das ist keine Gefühlsduselei. Das ist schlicht Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Biografie. Wer glaubt, sein gutes Leben allein sich selbst zu verdanken, hat vergessen, wo es angefangen hat. Und wer diese Erinnerung verdrängt, wird zwangsläufig gleichgültig. Nicht aus Bösartigkeit. Aus Bequemlichkeit.

Kein Verhandlungsangebot

Ich habe gestern hier über einen Satz von Marcus Wiebusch geschrieben: Humanismus ist nicht verhandelbar. Ich meine das jetzt genauso, nur direkter, ohne Umweg über die Bühne. Achtung vor dem Leben anderer ist kein Standpunkt, über den man diskutieren kann, je nach Laune, je nach Tagesform, je nachdem, ob es gerade in den eigenen Vorteil passt. Sie ist die Bedingung dafür, dass man überhaupt ein anständiger Mensch ist, egal wie viel Geld auf dem Konto liegt oder wie viele Länder man schon bereist hat.

Du musst nicht dein ganzes Leben umkrempeln. Niemand verlangt von dir, dein Gehalt zu spenden oder in ein Krisengebiet zu ziehen. Ich verlange etwas viel Kleineres und trotzdem Grundsätzlicheres: Hör auf, so zu tun, als hättest du dir dein Glück verdient. Und hör auf, anderen ihr Pech als persönliche Charakterschwäche vorzuwerfen.

Das ist alles. Das ist nicht viel verlangt. Und trotzdem ist es für manche offenbar zu viel.

Ich will nicht wissen, wie du dich fühlst, wenn du das liest. Ich will nur, dass du es nicht vergisst, bevor du das nächste Mal über jemanden urteilst, der weniger Glück hatte als du.