Oder: Was zwei Sätze über den Beginn eines Projekts verraten
Wer ein Projekt starten will, sagt das selten so direkt. Anfragen erreichen mich auf allen möglichen Wegen – telefonisch, per E-Mail, über das Kontaktformular, über Social Media. Und egal, auf welchem Kanal: Diese Serie widme ich Anfragen (im geschäftlichen Umfeld) oder auch Gesprächen (im Ehrenamt), die mit einem dieser Wort beginnen:
- „Könnt ihr…“
- „Wir müssen mal…“
- „Es müsst‘ mal einer…“
Die ersten beiden freuen mich. Denn beide sind der Beginn eines gemeinsamen Projekts. Aber wer genau hinhört, erkennt: In beiden Formulierungen steckt mehr, als der erste Satz verrät.
„Könnt ihr…“ – der einfache Fall
Bei bestehenden Kunden ist es unkompliziert. Da landet auf irgendeinem Kanal eine Aufgabe, und man weiß, wie man damit umgeht.
Bei neuen Anfragen ist „Könnt ihr…“ trotzdem der einfachere der beiden Sätze. Er fragt nach einer Fähigkeit, nicht nach einer Lösung. Und die Antwort ist fast immer: Ja. Was gewollt oder gewünscht ist, passt in aller Regel genau in das, was man kann. Und sollten wir es einmal nicht können – könne wir es lernen. Oder kennt jemanden, der kann.
„Wir müssen mal…“ – der spannendere Fall
Spannender ist die zweite Variante. Denn sie bedeutet: Der andere sieht einen Bedarf. Er weiß, dass etwas getan werden muss. Er weiß nur nicht genau, wie – und manchmal auch nicht, ob man selbst es überhaupt kann.
Aber schon in der Formulierung steckt etwas Bemerkenswertes: das „wir“. Nicht „macht ihr das für mich“, sondern „wir müssen mal“. Ein Angebot zur Zusammenarbeit, bevor überhaupt geklärt ist, wer was beiträgt. Und, ein bisschen zwischen den Zeilen: die Hoffnung, dass gemeinsam getan nicht ganz so teuer wird wie allein delegiert und einfach nur bestellt.
Nicht selten stellt sich dann heraus: Der Bedarf war schon vor Monaten oder Jahren erkannt worden. Jemand hat versucht, es in Eigenregie hinzukriegen. Und irgendwann, spätestens bei der ersten Hürde, ist das Projekt ins Stocken geraten – bis es ganz steckengeblieben und im Sand verlaufen ist.
„Es müsst‘ mal einer…“
Der Spruch ist so alt wie meine Selbstständigkeit selbst. Schon als ich in jungen Jahren mit damaligen Freunden angefangen habe, für Kunden zu arbeiten gab es schon den Moment, in dem einer sagte: „Es müsst‘ mal einer“ dies oder das tun. Immer „müsst‘ mal einer“ irgendwas. Mal ein neues Programm lernen, mal eine neue Technik ausprobieren, mal einfach auch nur in einer Spätschicht „Es müsst‘ mal einer Döner holen“. Und der, der dann losging Döner holen, kam bis heute nicht zurück…
Mittendrin einsteigen
Für den, der von außen dazukommt – ob als Dienstleister, als neues Vorstandsmitglied oder als Kollege, der „mal kurz reinschauen“ soll – ist genau das die eigentliche Herausforderung. Ein liegengebliebenes Projekt hat eine Geschichte. Einen Anlass, einen Anfang, und irgendwann einen Punkt, an dem etwas passiert ist, das es hat versanden lassen.

Wie ein Archäologe gräbt man dann erst einmal im Sand, um diese Vorgeschichte zu rekonstruieren, bevor man den besten Einstieg findet. Das ist mühsam. Aber es lohnt sich – denn Verbindlichkeit ist keine Nebensache. Sie ist der Kern dessen, was ein Projekt am Ende überhaupt zu einem Projekt macht: dass es fertig wird.
Ein Projekt starten: warum das überall gilt
Dieselbe Dynamik zeigt sich nicht nur zwischen Kunde und Agentur. Sie zeigt sich genauso im Verein, im Ehrenamt, in jedem Team, das ein Vorhaben angeht, ohne sich vorher mit der Frage beschäftigt zu haben, wie man eigentlich mit Projekten umgeht. Der Vorstandsposten wechselt, der Fachbereich wechselt – aber die wenigsten haben in ihrem bisherigen (Arbeits-)Leben jemals professionelles Projektmanagement gelernt.

Das Ergebnis: Dinge werden besprochen. Und versanden dann. Bis der Eindruck entsteht, alle würden nur reden und niemand etwas tun.
Was du mitnehmen kannst
Drei Dinge, die dir helfen, wenn du selbst ein Projekt starten willst, ohne blind loszulegen:
- Höre genau hin, welcher der beiden Sätze fällt. „Könnt ihr“ fragt nach einer Fähigkeit. „Wir müssen mal“ nach einer gemeinsamen Lösung – und meist auch nach einer, die vorher schon einmal versucht wurde.
- Frag nach der Vorgeschichte. Ein Projekt, das schon einmal begonnen und steckengeblieben ist, hat Gründe dafür. Die zu kennen, ist der beste Einstieg.
- Verbindlichkeit ist keine Formalität. Sie ist das, was ein Vorhaben überhaupt zu einem Projekt macht, statt zu einer Idee, die irgendwann im Sand verläuft.
Das Wort „Projektmanagement“ klingt nach Overhead, nach Papierkram, nach Aufwand. Aktionismus – blind loslegen, ohne zu wissen wohin – klingt sympathischer. Ist es aber nicht. Wie man diesen Unterschied in der Praxis merkt, dazu bald mehr.
