Bestatter, Bücher
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Wozu wir da sind – oder: Walter Wemut saß neben mir

Drei Tage München. Donnerstag Allianz Arena. Freitag TonHalle. Samstag Mitgliederversammlung. 75 Jahre Bestatterverband Bayern.

Ich kann nur sagen: Das war ein Ritt! Bestatter können feiern. Das wundert nur Leute, die noch nie mit Bestattern gefeiert haben. Wir waren als Agentur Platin-Sponsor des Jubiläums. Ich erwähne das nur, damit niemand glaubt, ich hätte mich da reingeschlichen.

Samstagmittag dann Christian Mayer. Ressortleiter Gesellschaft und Wochenende bei der Süddeutschen Zeitung. Thema: Nachrufe.

Der Mann, der uns nun ins Rest-Wochenende entlassen soll, spricht also über das Lebensende. Vor einem Saal voller Menschen, die das Lebensende beruflich organisieren. Und mittendrin einer, der seit zwanzig Jahren für genau diese Menschen Kommunikation macht.

Konstellationen gibt’s…

Irgendwann zwischen zwei Folien saß Walter Wemut neben mir.

Wer ist Walter Wemut?

Niemand. Axel Hacke hat ihn erfunden. 2019, für ein Buch mit einem Titel, der kaum aufs Cover passt: „Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“.

Wemut schreibt seit dreißig Jahren Nachrufe. Dann soll er zum 80. Geburtstag einer Freundin eine Rede halten. Über das gelungene Leben. Ausgerechnet er. Einer, der Leben immer erst dann zusammenfasst, wenn keiner mehr widersprechen kann.

Ja, Wemut. Mit einem h weniger als Wehmut. Hacke halt.

Das Buch ist ein Monolog. Wemut redet, ein anderer hört zu und sagt nichts. Wemut verläuft sich. Kehrt um. Zweifelt. Erinnert sich an Freunde, Gescheiterte, Lügner, Untüchtige. Hacke selbst nennt es „ein Buch ohne Anweisungen, eher eines über Zweifeln und Fragen“.

„Handreichungen“ steht trotzdem im Titel. Eine kleine Lüge. Eine sympathische.

Aus dem gleichen Stall

Hacke schreibt seit Jahrzehnten für die SZ. Mayer leitet dort ein Ressort. Die Süddeutsche war Platin-Sponsor des Jubiläums. Wir auch.

Zwei SZ-Leute, ein Thema, ein Wochenende. Und ich hab das Buch vor Jahren gelesen, ins Regal gestellt und brav weitergemacht wie vorher.

Dazu gleich mehr.

Achtung, Rosa-Ultra

Ein Rezept fürs gelungene Leben gibt es nicht. Hacke besteht darauf. Aber Wemut hinterlässt ein paar Anhaltspunkte:

  • Beziehungen wichtiger nehmen als äußeren Erfolg.
  • Neugierig bleiben.
  • Einen Draht zum Leben haben, statt es als Pflichterfüllung abzuarbeiten.
  • Sich von der Welt verändern lassen, statt sie nur verändern zu wollen.

Und jetzt rate mal, auf wen sich Hacke bei Punkt drei und vier beruft.

Richtig. Hartmut Rosa.

Wer hier länger mitliest, weiß, was jetzt kommt. Ich bin ja bekanntermaßen bekennender Rosa-Ultra und habe hier in meinem Blog über Verfügbarkeit und Resonanz geschrieben und über das richtige Tempo. Ich zitiere den Mann auch immer wider gerne auch in Teambesprechungen. Freiwillig.

Der „Draht zum Leben“ ist Resonanz, nur ohne Fußnoten. Und „sich verändern lassen“ ist das, was Rosa so schön Anverwandlung nennt: Man geht nicht unverändert aus der Begegnung mit der Welt heraus. Sonst war es keine.

Hacke packt dann noch Viktor Frankl dazu, sinngemäß: Frag nicht nach dem Sinn des Lebens. Gib ihm einen.

Das kann dir keiner abnehmen. Auch kein Nachrufschreiber.

Die Schienen

Hängen geblieben ist bei mir aber ein anderer Gedanke. Wemut fragt sich, warum manche seiner Freunde nie Autor ihres eigenen Lebens wurden. Warum sie die Schienen nie verlassen haben, auf die man sie gesetzt hatte. Obwohl genau das ihr Unglück war.

Beim ersten Lesen dachte ich: kluger Gedanke.
Dann bin ich weitergefahren. Auf meinen Schienen.

Unternehmer. Geschäftsführer. Angestellter im eigenen Laden. Alles gleichzeitig. Verfügbar für alle. Immer. Rosa würde sagen: viel Weltreichweite, wenig Antwort.

Inzwischen nenne ich das Agenda 2030 und schaue mir die Weichen genauer an. Spät? Vielleicht. Aber Wemut schreibt Nachrufe. Ich nicht. Noch kann ich widersprechen.

Den eigenen Nachruf nicht abwarten

Ich arbeite in einer Branche, die das Ende professionell begleitet. Traueranzeigen, Trauerreden, Gedenkseiten. Die Online-Gedenkseite hab ich sogar mal erfunden. Alles Texte, die geschrieben werden, wenn es vorbei ist.

Wemuts eigentliche Handreichung ist vielleicht diese: die Nachruf-Frage stellen, solange man noch antworten kann.

Nicht: Was werden sie über mich sagen?
Sondern: Was will ich noch ändern, bevor sie es tun?
Wie Wemuts Rede ausgeht, verrate ich nicht. Ich weiß es selbst nicht mehr so genau.
Das Buch liegt aber jetzt wieder auf dem Nachttisch…

_ _

Axel Hacke: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben. Verlag Antje Kunstmann, 2019. Inzwischen auch als Taschenbuch und Hörbuch.

Kategorie: Bestatter, Bücher

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Mein Blog trägt nicht ohne Grund den Zusatz: aus-dem-Leben-eines-fast-ALLES-ein-bisschen-KÖNNERS. Ich gehöre zu den Autodidakten, die alles erst einmal selber machen müssen, um zu verstehen, was wie geht, wer was u. U. besser kann und resultierend was wie lange dauert und kostet.

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