Ballanceakteur

Jobs waren gestern – heute zählen Kompetenzen

Früher mussten Werbeagenturen eigentlich nur dafür sorgen, dass Unternehmen gut da standen. Produkte und Dienstleistungen wurden hübsch gemacht und möglichst vielen bekannt gemacht, damit ein Teil von ihnen diese sogar toll fanden und kauften. Wir erinnern den klassischen Markendreiklang: Bekanntheit – Sympathie – Verwendung. Laut Lehrbuch im optimalen Verhältnis von 4 : 2 : 1.

Ender der 80er, Anfang der 90er Jahre waren Agenturen richtig cool! Dort – bestenfalls im Frankfurter Westend – zu arbeiten war Traum unzähliger junger Talente. Von Hamburg sprach zu dieser Zeit kein Mensch, Berlin noch eingemauert, in Düsseldorf wuchs zwar Kreation, aber in Frankfurt war das Geld. Ende. Ach ja, München. Das gab’s wohl auch noch.

Agenturjobs

Klassische Agenturjobs waren zu Beginn meiner Karriere Ender der 1980er:

Kontakter – agenturintern oft als Pappenträger belächelt. Weil er mit den tollen Ideen der Kreativen auf große Pappen aufgezogen zum Kunden musste, um sich Freigaben abzuholen.

Konzeptioner – meist überraschend unscheinbares Wesen innerhalb des bunten Agenturvölkchens, die/der das große Ziel nie aus den Augen verliert und sich pausenlos Broschüren, Kinospots, Anzeigen, Gewinnspiele etc. einfallen lässt.

Texter – Depressionsgefährdetes Arbeitstier, das dem Konzeptioner zuarbeitet. Wird im Erfolgsfall gern vergessen. Wenn’s nicht so recht läuft mit Sündenbock-Qualitäten.

Creativ Director – Schillernster Vogel im Agenturkäfig. Oft mit Pferdeschwanz (wenn männlich) und schwarzem Rollkragenpullover. Ja, die globige Armbanduhr ist echt.

Art Director – mindestens mit rotem Brillengestell sichtbar auf dem Weg, schillerndster Vogel (s. o.) werden zu wollen.

Grafiker – wenn unter 40 fühlt er sich als „Werbegrafiker“ verkannt und sowieso gnadenlos unterbezahlt. Ist aber der Einzige in dem Sauhaufen, der zuverlässig liefert.

Layouter – je unschärfer das Briefing, je dicker und bunter die Stifte. Irgendjemand muss ja die Ergebnisse rotweingeschwängerter Brainstorming-Marathons zu Papier bringen, damit der phantasielose Kunde ahnt, was da auf ihn zu kommt.

Illustrator – weil ja außer ihr/ihm eh niemand gescheit zeichnen, geschweige denn mit einer Airbrush umgehen kann, ist ab und an dann doch der Meister des Fachs gefragt.

Trafficer – auch Innenkontakter genannt. Muss die losen Strippen in dem bunten Taubenschlag so zusammen führen, dass auch mal irgendwas halbwegs pünktlich fertig wird und wenigstens die wichtigsten Deadlines annähernd eingehalten werden. Schlechtbezahlter Knochenjob für Unkreative.

Produktioner – Da sich Kreativität auf der einen Seite und handwerkliches Können oder physikalische Naturgesetze auf der anderen Seite diametral auszuschließen scheinen, bedarf es eines ruhigen Pols der dafür Sorge trägt, einen Lieferanten zu finden der das, was die Kreativen produziert haben wollen, halbwegs bezahlbar zu liefern sich in der Lage sieht.

Reinzeichner (ab zirka 1990: DTPler) – kennt noch Vorgänger, zumindest aus Erzählungen, die mit Skalpell und Schere aus Filmschnipseln oder Aufsichtsvorlagen Druckvorlagen zusammen gebastelt haben. Verkanntes Genie, ohne da viel Bockmist zum Beispiel gedruckt wird. Heute eher Normalität statt Ausnahme.

Bildbearbeiter – Spezialist an Arbeitsplätzen jenseits der 100.000-DM-Marke, seit Mitte der 1990ern: Photoshopper. Heute denkt jeder – leider auch ab und an Kunden: „Da gibt’s doch ne kostenlose App für, oder?“)

Je nach Agentur gab’s die o. g. Jobs mindestens doppelt – in den Größen Junior und Senior. Wobei, je nach Gusto, der Junior als Praktikant kein oder kaum Geld verdienen musste.

Die höhere Ränge gönnten sich mindestens eine(n) Assistent/-in weshalb klar is, das eine anständige Agentur schnell 20-25 Mitarbeiter hatte.

Fehlender Überblick bei Agenturpersonal

Natürlich wird das mit dem Personal irgendwann unübersichtlich! Weshalb dann auch jeder eine Jobdescription braucht. Da aber Personalabteilung nicht exsistent, weil spiessig ist, kriegt jeder in einem Meeting ans Herz gelegt, jeweils die eigene zu schreiben.

So eine Jobdescription (= Arbeitsplatzbeschreibung) mag ja auch im Ursprung eine schlaue Idee gewesen sein. Aber Versuch doch mal von den buntesten Vögeln im Park eine schriftliche Erklärung abzufordern, weshalb der Bunteste beim morgendlichen Füttern die größten Brocken kriegen soll…

Heute sprechen wir statt dessen lieber von Arbeitsprofilen

Das zeugt von Vielfalt, von Fähigkeiten und Kompetenzen. Aber Obacht: das hat nix mit „Guten Noten“ zu tun. Und leider auch wenig mit Erfahrung.

Soft Skills

Gerne spricht man seit einigen Jahren von den ach so notwendigen „Soft Skills“ im Lebenslauf. Auf den ersten Blick meinen viele es reicht, wenn Du mal eine Kinder- oder wenigstens Jugendmannschaft im Verein trainiert hast. Auch der Teamer bei Ferienspielen macht sich gut. Irgendwas soziales halt. Ehrenamt, Du weißt schon…

Aber Soft Skills sind weit mehr. Nämlich Eigenschaften, die Deine persönliche Reife widerspiegeln.

Oder wie das Monster sagt:

„Soft Skills, die weichen Faktoren, wiegen genauso schwer wie Fachwissen. Dumm nur, dass sie auf keinem Examenszeugnis vermerkt sind. Bewerber müssen Taten statt Noten sprechen lassen.“

Was sind Soft Skills?

Soft Skills werden grob in drei Kompetenzbereiche geteilt: Persönliche Kompetenz, Soziale Kompetenz und Methodische Kompetenz:

Persönliche Kompetenz

• Selbstvertrauen
• Selbstdisziplin
• Selbstreflexion
• Engagement
• Motivation
• Neugier
• Belastbarkeit
• Eigenverantwortung

Soziale Kompetenz

• Teamfähigkeit
• Einfühlungsvermögen (Empathie)
• Menschenkenntnis
• Kommunikationsfähigkeit
• Integrationsbereitschaft
• Kritikfähigkeit
• Umgangsstil

Methodische Kompetenz

• Präsentationstechniken
• Umgang mit Neuen Medien
• Strukturierte und zielorientierte Arbeitsweise
• Analytische Fähigkeiten
• Problemlösungskompetenz
• Stressresistenz
• Organisationstalent
• Zeitmanagement

Wo die Weichen sind, sind die Harten auch nicht weit
Gegen die o. g. Soft Skills sind die Hard Skills viel einfacher zu beschreiben. Denn das sind schlicht und ergreifend die Fach-Kompetenzen.

Das bedeutet, dass eine Agentur zu den weiter oben genannten Spezialisten der alten Schule auch weitere Jobs zu vergeben hat:

SEM Spezialist – Profi für das Suchmaschinenmarketing, kümmert sich um alles, was die Auffindbarkeit einer Seite im www verbessert

SEO Spezialist – verantwortlich für Suchmaschinenoptimierung durch Verlinkungen und suchmaschinenfreundliche Contentproduktion

SEA Spezialist macht die Suchmaschinenwerbung. Alles was bezahlte Anzeigen angeht bsp. bei Facebook, Google, Instagram, Youtube

Social Media Manager – Ist auf allen wichtigen Kanälen wie Facebook, Youtube, Instagram, Twitter und Blogs zu Hause. Sie/er denkt und handelt strategisch, produziert und verteilt Content (Beiträge).

Content Manager – Entscheidet über Inhalte und Formate je Plattform. Entwickelt Contentstrategie und organisiert (intern/extern) Contentmarketing

Scrum Master (früher: Projektleiter)

Moderator, der Teams unterstützt…

Cloud-Architekt – IT-Profi, der Speicher und Anwendungen aus dem Unternehmen ins Netz schafft und den beteiligten dabei Händchen hält.

Datenwissenschaftler – vergesst den Rocket Sientist! Der Data Sientist hat den coolsten Berufe im beginnenden 3. Jahrtausend. Er wertet Daten aus und bereitet sie so auf, damit normale Menschen wie ich sie verstehen.

Und natürlich kommen noch all die noch technischeren Profis dazu wie: Analytiker, Informationsarchitekten, Screen Designer, UX-Designer, Webentwickler u. a.

Und – Zong – hast Du 50 Leute auf der Gehaltsliste

Wenn man sich also zu jeder Kompetenz eine(n) Fachfrau/-Mann sucht, wird die Mannschaft schnell recht groß, das Team unübersichtlich.

Und als ob es nicht unmöglich genug wäre, aus den o. g. Menschen eine schlagkräftige Mannschaft zu zimmern – die Digitalisierung verändert Agenturen auf das Brutalste. Stichwort: Agiles Projektmanagement statt Wasserfallmodell.

Und es geht noch weiter…

Schnittstellenkompetenz

Richtig wertvoll sind die Menschen, die auch Interesse an den Arbeiten der Kollegen anderer Abteilungen haben. Zum Beispiel: Texter – Gestalter, Gestalter – Entwickler etc.

Wenn dann also zu den weichen Kompetenzen die Harten und darüber hinaus auch noch Schnittstellenkompetenzen hinzu kommen, ist die Anstellung gesichert!

Wer ist bereit?

Ich finde Stellenausschreibungen die Hölle. Logisch, wir suchen ja nicht 50, sondern hier und da mal ein, zwei oder drei Neue. Job-Spezifikationen schreiben hilft da nicht. Also schaue ich in erster Linie auf den bunten Strauß an Kompetenzen.

So einfach ist das.

Fast 😎