Vorhang auf: ein Nationalpark, ein wildes Ökosystem – und ein einzelner Wolf, der unerwartet zum Symbol für ein anderes Führungsmodell wird.
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Oder: Warum „Lebenszeit gegen Geld“ mehr ist als nur ein Spruch
Kennst du das? Ein Projekt läuft. Ein gutes Projekt. Mit einem Kunden, den du magst. Mit einer Aufgabe, die Spaß macht. Und trotzdem merkst du irgendwann: Hier stimmt was nicht.
WeiterlesenDas Feuer, die Geschichte und die Stille danach
Was Content Marketing wirklich ist — und warum man das am besten neben einem Sarg versteht
In den Neunzigern sagten viele in meiner Bubble stolz: „Ich mach‘ was mit Werbung.“ Das klang nach Zukunft. Nach Kreativität. Pferdeschwanz und Cabrio. Nach dem großen Spiel.
Ich hab das nie so recht geglaubt, nie gesagt und eher kritisch betrachtet.
Nicht weil ich Werbung nicht verstanden hätte — sondern weil ich von Anfang an das Gefühl nicht loswurde, dass da irgendjemand versucht, mir etwas unterzujubeln, was ich nicht wirklich brauche, in einer Sprache, die ich so nicht gesprochen habe. Also haben ich den Kurs ich Richtung Marketing korrigiert. Zum echten Marketing. Für kleine Unternehmen, deren Wohl und Fortbestand mir tatsächlich am Herzen lagen. Mittelständische Betriebe, die ich ein bisschen teilhaben lassen wollte an dem, was sonst nur in den Hochglanz-Strategiepapieren der großen Agenturen stand.
Irgendwann war mir aber auch das zu viel. Für mein Verständnis zu viel Möchtegern-Wissenschaft. Zu viele Frameworks, die sich selbst feierten. Also habe ich den Schwerpunkt noch mal verschoben — in Richtung Kommunikation. Weil Kommunikation das ist, was alles zusammenhält. Wie die eckige Klammer in unserem Logo, die seit 20 Jahren dafür steht, was wir alles machen.
Das war alles vor vielen Jahren. Man lernt in der Zeit das eine oder andere.
Wenn ich heute über Content Marketing nachdenke, fange ich nicht mit einem Funnel an. Ich fange mit einem Feuer an.
Schon in den frühesten menschlichen Gemeinschaften sammelten sich die Menschen dort, wo die besten Geschichten erzählt wurden. Nicht beim hellsten Feuer. Nicht beim größten. Bei dem, an dem jemand saß, der erzählen konnte. Der die Dinge so beschrieb, dass man sie sah, roch, verstand — auch wenn man selbst nie dort gewesen war.
Das ist, im Kern, Content Marketing.
Alles andere — die Customer Journeys, die Conversion Funnels, die SEO-Scores, die Lead Magnets — das ist das Holz, das man braucht, damit das Feuer nicht ausgeht. Aber das Feuer selbst? Das ist immer noch die Geschichte.
Das klingt vielleicht nach einem dieser Sätze, die Leute auf beige Leinwand drucken und über ihren Schreibtisch hängen. Aber ich meine das buchstäblich. In einer Welt, in der jeder Mensch täglich tausenden Informationsreize ausgesetzt ist – oder wird – und in Sekundenbruchteilen entscheiden muss, was er an sich heranlässt und was nicht — funktioniert Wissen, Expertise und jede Form von zielgerichteter Kommunikation dann am besten, wenn sie in eine Geschichte eingebettet ist. Eine Geschichte, die Menschen nicht nur verstehen, sondern die ihnen hilft, eine Welt zu begreifen, die sich immer schneller dreht.
Ich arbeite seit gut zwanzig Jahren für Bestatter. Nicht für alle — für die guten.
Für die, die morgens aufstehen und wissen, dass dieser Tag für mindestens eine Familie der schwerste des Jahres sein wird. Die trotzdem da sind. Ruhig. Präzise. Menschlich. Die mit echter Empathie und echter Qualität ihren Beruf ausüben und dabei gleichzeitig so bodenständig und praktisch sind, dass Marketing-Theorie aus dem Universitätshörsaal bei ihnen wenig Resonanz erzeugt.
Das ist keine Kritik. Das ist eine Qualität.
Denn wer jeden Tag mit dem Tod arbeitet, hat keine Zeit für Selbstdarstellung um der Selbstdarstellung willen. Bei Bestattern zählt Authentizität — nicht weil es gerade im Trend liegt, sondern weil es die einzige Währung ist, die in diesem Beruf gilt. Wer in den schwersten Momenten eines Menschenlebens erscheint, muss echt sein. Wer nicht echt ist, fliegt sofort auf.
Und genau deswegen erzählen wir Geschichten.
Es gibt in der Kommunikationswissenschaft den Begriff der Brücke — und ich mag ihn, weil er etwas sehr Konkretes beschreibt. Guter Content baut eine Brücke. Vom Problem des Menschen zur Lösung. Vom Schmerz zur Erleichterung. Von der Panik zur Beruhigung.
Klingt simpel. Ist es auch. Und trotzdem scheitern die meisten daran.
Der typische Fehler: Man produziert Inhalte, die Menschen ansprechen, die sich allgemein für ein Thema interessieren — aber nicht Menschen, die gerade jetzt, in dieser Woche, eine Entscheidung treffen müssen. Der Klempner, der Tipps zum Thema Wassersparen schreibt, erreicht Leute, die sich für Nachhaltigkeit interessieren. Nicht unbedingt die Leute, deren Heizung gerade gluckert und die um drei Uhr nachts jemanden suchen, dem sie vertrauen können.
Für Bestatter ist diese Unterscheidung noch schärfer.
Man kann über Trauerpsychologie schreiben. Über Bestattungsarten in verschiedenen Kulturen. Über die Geschichte des deutschen Friedhofswesens. Das ist alles interessant — und wird auch gelesen. Aber wer liest das? Menschen, die sich allgemein mit dem Thema Tod beschäftigen. Nicht notwendigerweise Menschen, die gerade eben die Nachricht bekommen haben, dass jemand gestorben ist, und jetzt nicht wissen, was sie als Erstes tun sollen.
Die Brücke für Bestatter heißt: Was passiert, wenn jemand stirbt? Wen rufe ich wann an? Wer hilft mir bei den Formalitäten? Und wie finde ich jemanden, dem ich in diesem Moment vertrauen kann?
Das ist der Moment, in dem jemand sucht — nicht aus Neugier, sondern aus echter Not. Und genau in diesem Moment muss man da sein. Klar. Ruhig. Hilfreich. Menschlich. Mit einer Geschichte, die nicht nach Marketing riecht.
Meine Kundinnen und Kunden in der Bestattungsbranche sind dreißig, vierzig, fünfzig, über sechzig Jahre alt. Die Jüngeren haben manchmal mehr digitale Verve, die Älteren manchmal mehr Erfahrung im Umgang mit Trauer — aber alle eint dasselbe: Sie vertrauen mir ihr Marketing und ihre Kommunikation an und fahren damit, soweit ich das beurteilen kann, recht entspannt und erfolgreich.
Das hat weniger mit meiner Person zu tun als mit einem simplen Prinzip: Wenn jemand vierzig Jahre lang dasselbe Handwerk betreibt, hat er irgendwann aufgehört, sich selbst zu beeindrucken. Er macht einfach, was funktioniert. Und was funktioniert, ist selten das Komplizierte.
Was funktioniert, ist die echte Geschichte.
Die Geschichte des Bestatters, der seit dreißig Jahren denselben Gottesacker kennt und jeden Stein mit einem Namen verbinden kann. Die Geschichte der Mitarbeiterin, die gelernt hat, wie man eine Mutter in den Arm nimmt, die gerade ihren Sohn verloren hat. Die Geschichte des Familienbetriebs, der seit vier Generationen für dieselbe Kleinstadt da ist — und der das nicht groß kommuniziert, weil in der Stadt jeder weiß, dass es so ist.
Keine Hollywood-Dramaturgie. Keine künstliche Rührseligkeit. Nur das Echte.
Denn das Echte ist das, was hängenbleibt.
Es gibt in der aktuellen Debatte über Content Marketing eine Frage, die immer drängender wird: Was macht man, wenn Algorithmen und künstliche Intelligenz immer mehr Informationen automatisch zusammenfassen und beantworten — bevor der Mensch überhaupt auf der Website landet?
Die Antwort, die ich für richtig halte: Man produziert Inhalte, die keine Maschine replizieren kann.
Vorher-Nachher-Geschichten aus echten Projekten. Kundenstimmen, die man hören kann, nicht nur lesen. Das Gesicht des Handwerkers, der seit zwanzig Jahren dasselbe macht und genau deswegen weiß, wann es schiefgeht. Die Emotion der Familie, die am Ende sagt: Hier haben wir uns gut aufgehoben gefühlt.
Für Bestatter ist das keine Strategie. Das ist eine Selbstverständlichkeit.
Bestatter können keine Preiskampagnen fahren: „20% auf alles ausser…“. Keine Rabatt-Aktionen: Kauf drei Särge und du kriegst den günstigsten umsonst… „Happy-Hour – von 18 bis 19 Uhr 10% auf alle Urnen.“ etc. pp.
Bestatter können ihre Kunden nicht vor eine Kamera zerren, damit sie das Testimonial geben und erzählen, wie gut aufgehoben sie sich in diesem Moment fühlen.
Die Liste, was alles nicht geht ist lang.
Aber man kann zeigen, wer man ist. Wie man arbeitet. Wie man mit Menschen umgeht. Man kann dem Menschen, der nachts um zwei Uhr nicht schlafen kann und auf einer Bestatterwebsite landet, das Gefühl geben: Hier bin ich richtig. Hier sind Menschen. Die wissen, was ich gerade durchmache.
Das ist Content Marketing.
Das ist auch: das älteste Kommunikationshandwerk der Welt.
Ich bin kein Freund von großen Schlussfolgerungen. Gedanken dürfen ruhig offen enden.
Aber eines stört mich nach wie vor, und ich werde es trotz aller Lebenserfahrung nicht los: der Satz „Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie sind.“ Den habe ich in vierzig Jahren so oft gehört, dass er mich inzwischen körperlich schmerzt. Nicht weil er falsch wäre — sondern weil er so gründlich falsch gedacht wird.
Man holt Menschen nicht ab wie ein Paket.
Man sitzt mit ihnen am Feuer. Man erzählt. Man hört zu. Man gibt ihnen das Gefühl, dass das, was sie gerade beschäftigt — Schmerz, Trauer, Unsicherheit, Entscheidungsdruck — wirklich gesehen wird.
Das ist das Feuer.
Alles andere ist nur Holz.
„Sag mal, Jürgen, du kennst auch jeden…”
Der Satz fällt heute Mittag. Wir stehen vorm Spiel am Bölle, also im Böllenfalltor-Stadion, und der Typ neben mir guckt mich an, als hätte er gerade etwas entdeckt, das er nicht ganz einordnen kann. Ich kenn‘ ihn auch. Zum Glück. Und sogar sehr gut.
Dabei bin ich hier unter fast 18.780 Menschen. Und natürlich kenne ich nicht 18.779 Menschen. Aber es stimmt auch nicht, dass ich niemanden kenne. Ein paar Leute schon. Und während ich so da rumstehe und mich frage, warum das eigentlich so ist, fange ich an nachzurechnen.
Es liegt wahrscheinlich zuerst daran, dass ich – mit paar Jahren fliegender Wechsel Darmstadt – Frankfurt – heute noch in der Stadt wohne, in der ich geboren wurde. Das klingt nach nichts Besonderem — ist es aber, wenn man mal schaut, wie wenige das noch machen. Ich war vielleicht zwei Tage im Kindergarten, das ist alles etwas verschwommen. Aber die Grundschule, die Kirche, die frühen Jahre in irgendeiner Form von organisierter Freizeit — die haben Spuren hinterlassen, auch wenn ich mich an die meisten Menschen aus dieser Zeit kaum noch erinnere.
Dann kam das Gymnasium. Neun Jahre. Und gleichzeitig Volleyball — in der Schule und im Verein. Wer jemals in einem Sportverein aktiv war, weiß: da entstehen Netzwerke, ob man will oder nicht. Und weil es beim Volleyball nicht blieb, sondern Jugendarbeit dazukam — im Verein, auf Landes- und Bundesebene — kamen zu den lokalen Gesichtern plötzlich auch Gesichter aus ganz anderen Ecken dazu.
Nach dem Abitur: Ausbildung, auch in Darmstadt. Dann, fast ohne Pause, die Selbstständigkeit. Und da, in der Agentur, passierte etwas Entscheidendes: Menschen merken wurde zur Berufspflicht. Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten — und all die, die es vielleicht mal werden sollen oder könnten. Wer eine Agentur führt, netzwerkt nicht als Hobby. Der netzwerkt, weil er muss. Und wenn man das lange genug macht, wird irgendwann aus Pflicht Gewohnheit, und aus Gewohnheit Charakter.
Meine Schwestern haben übrigens auch zum Netzwerk beigetragen — direkt und indirekt, über ihre Kinder, ihre Kreise, selbe Schule, selber Sport. Man kennt plötzlich Leute, die man nicht selbst gesucht hat, die aber trotzdem irgendwie dazugehören.
Was dann richtig Schwung gebracht hat, war unsere Tochter. Kita, Grundschule, Gymnasium, Verein, Sport, Kultur, Chor — das sind jede Menge neue Sozialgeflechte, in die man als Elternteil automatisch hineingezogen wird. Man lernt Eltern kennen, die man sonst nie getroffen hätte. Und man merkt sich ihre Namen, weil man sie auf dem Elternabend wiedersieht.
Dazu kommt die Wohngeschichte. Ich habe lange in einer alten Backsteinhalle, die in einer Art vermeintliche Kommune war — die Wackerfabrik. Ein Pool von Menschen, die dort wohnten, arbeiteten, kamen und gingen. Und über kulturelles Engagement — Veranstaltungen, Projekte, die ganze Infrastruktur des lokalen Kulturlebens — lernte man Menschen kennen, die einem andere Menschen vorstellten. Das klassische Prinzip: die kannten dich, weil andere dich kannten.
Und dann: Social Media. Als Agentur-Chef musste ich wissen, wie das funktioniert. Nicht theoretisch — praktisch. Mit dem mir eigenen Alles-oder-Nix-Prinzip bin ich da nicht zaghaft eingestiegen, sondern kopfüber. Und plötzlich wurden aus flüchtigen Bekanntschaften digitale Verbindungen, die im echten Leben zum Gruß führten. Menschen, die ich von früher kannte, tauchten wieder auf. Menschen, die ich kennenlernen wollte, wurden erreichbar.
So wächst ein Netzwerk. Nicht durch einen Plan. Sondern durch das Leben.
Wobei: Das ist erst mal nur eine Feststellung. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Ich will das gar nicht bewerten.
Aber wenn ich mir anschaue, wie heute viele junge Menschen nach dem Abitur ihre Heimatstadt verlassen — und viele kommen nicht zurück. Wenn ich sehe, dass immer weniger Menschen Sport im Verein betreiben, Ehrenamt machen, Jugendarbeit als sinnvoll empfinden. Wenn Karriere und Arbeitgeber bestimmen, wo man lebt — dann ist meine Art, in einer Stadt verwurzelt zu sein, in der ich geboren wurde und die früher 125.000 und heute 180.000 Einwohner hat, vielleicht ein Auslaufmodell.
Ich bin wohl ein sozialer Dinosaurier. Eine aussterbende Spezies — lokal verankert, selbstständig, netzwerkgläubig. Aber ohne Klage. Eher mit einem trockenen Grinsen.
Und jetzt kommt die eigentlich interessante Frage. Die, die mich seit dem Weg nach Hause nicht loslässt.
Wenn ich auf meine Werte schaue — und Beziehungen stehen da ganz weit oben — dann: Was war zuerst da? Habe ich viele Beziehungen, weil mir Beziehungen wichtig sind? Oder sind mir Beziehungen wichtig, weil ich so viele habe?
Keine Ahnung. Wirklich nicht.
Und ich glaube, das ist auch gut so.
Denn — und das ist das Zweite, das mich beschäftigt — „kennen” ist kein binärer Zustand. Der Begriff ist riesig. Zwischen „ich kann das Gesicht einem Ort zuordnen” und „diese Person liegt mir am Herzen” liegt eine unendliche Skala an Graustufen. Beziehungen müssen nicht kostbar sein, um zu existieren. Sie müssen nicht tief sein, um zu zählen. Das Spektrum ist kein Defizit — es ist das Wesen von Beziehungen. Wenn alle gleich wären, wenn jede Verbindung dasselbe Gewicht hätte, wäre das nicht schön. Das wäre fürchterlich.
Die Vielfalt der Graustufen ist der Wert!
So. Genug Beziehungsphilosophie für heute.
Die nächste wartet nämlich schon. Die mit meiner Matratze. Wecker um fünf, Hund um sechs, Auto um sieben — und dann ab nach München auf die Internationale Handwerksmesse. Auf Montage, sozusagen.
Denn: Da kenne ich ja auch ein paar Leute.
Tempo – oder die Kunst, die richtige Geschwindigkeit zu finden
Es gibt Sätze, die ich nicht mehr hören kann.
Nicht weil sie falsch wären. Nicht weil ich sie nicht verstehe. Sondern weil sie so oft als Deckel benutzt werden, um Töpfe zuzuhalten, unter denen gar nichts kocht.
„Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie sind.“
„Wir dürfen niemanden verlieren.“
Ich kenne diese Sätze. Ich habe diese Sätze selbst gesagt. Und irgendwann habe ich aufgehört, sie zu sagen – weil mir aufgefallen ist, dass sie in erschreckend vielen Gesprächen nicht als Einladung zur Empathie gemeint waren, sondern als Einladung zum Stillstand. Als elegante Begründung dafür, dass man eben nichts tun muss. Nichts verändern. Nichts wagen. Weil: die anderen kommen ja noch nicht mal mit.
Dabei ist die Frage, die dahintersteckt, eigentlich eine der interessantesten überhaupt: Welche Geschwindigkeit ist die richtige?
Ich spreche schnell. Das ist bekannt.
Ich denke beim Sprechen. Oder: Ich spreche, während ich denke. Das ist nicht dasselbe, klingt aber oft so. Wer mir beim Reden zuschaut, sieht manchmal einen Menschen, der seinen eigenen Gedanken um eine halbe Sekunde hinterherläuft – und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, irgendwie am Ziel ankommt.
Im Beruf hat mir das nie jemand ernsthaft vorgeworfen. Kunden und Mitarbeiter haben verstanden, worum es geht. Nicht weil ich sie mit Charme betäubt hätte, sondern weil ich ihnen etwas Echtes angeboten habe: Wissen, Erfahrung, Argumente. Dinge, die man nachvollziehen kann. Die Geschwindigkeit war dabei nicht das Problem – sie war, wenn man so will, Teil des Angebots. Wer schnell denkt, hat in der Regel auch schnell gedacht.
Jetzt bin ich im Ehrenamt. Vorstand. Einer der Jüngeren. Mit 62 Lenzen. Und dort höre ich etwas, das mich – sagen wir: beschäftigt.
Nicht: „Jürgen, du bist zu schnell, wir können dir nicht folgen.“
Sondern: „Jürgen, du bist zu schnell. Da kann dir doch niemand folgen.“
Der Unterschied ist klein. Der Unterschied ist riesig.
Da kann niemand folgen – nicht wir.
Ein kleines Wörtchen, das viel verrät. Es ist die Formulierung der Entpersonalisierung. Aus „ich verstehe das nicht“ wird ein allgemeines Naturgesetz: niemand versteht das. Aus einer persönlichen Überfoderung wird eine objektive Unmöglichkeit. Und aus meiner Geschwindigkeit wird ein Fehler – nicht ihrer Langsamkeit, sondern meiner Zumutung.
Ich will fair sein. Manchmal stimmt das sogar. Manchmal bin ich tatsächlich zu schnell. Manchmal denke ich drei Schritte voraus und erkläre Schritt vier, während mein Gegenüber noch auf Schritt eins oder zwei steht und freundlich nickt. Das ist meine Verantwortung. Das gebe ich zu.
Aber.
Es gibt einen Unterschied zwischen nicht folgen können und nicht folgen wollen. Zwischen einer echten Überforderung und einer bequemen Schutzbehauptung. Und diesen Unterschied aufzulösen, ihn wegzulächeln mit dem Verweis auf „DerJürgen ist halt zu schnell…“ – das finde ich, offen gesagt, unehrlich.
Die Griechen hatten dafür zwei Wörter.
Chronos ist die messbare Zeit. Die Uhr. Der Takt. Das Metronom. Chronos fragt: Wie viele Minuten?
Kairos ist der richtige Moment. Der günstige Augenblick. Die Situation, in der etwas möglich ist – und gleich danach nicht mehr. Kairos fragt: Jetzt?
Hartmut Rosa, Soziologieprofessor und Beschleunigungstheoretiker, würde vielleicht sagen: Wir leben in einer Welt, die vollständig von Chronos beherrscht wird – und dabei vergessen hat, dass Kairos das Einzige ist, das wirklich zählt. Wir messen Produktivität in Stunden, Erfolg in Quartalsergebnissen, Fortschritt in Wachstumsprozenten. Und gleichzeitig verlieren wir das Gefühl dafür, wann etwas dran ist.
Das Gegenteil von richtigem Tempo ist nicht Langsamkeit. Es ist Starre.
Tradition ist kein Tempolimit.
Ich schätze Menschen, die Erfahrung mitbringen. Wirklich. Jemand, der sein Arbeitsleben hinter sich hat und zig Jahre in einem Verein dabei ist, trägt Wissen in sich, das in keinem Protokoll steht. Das ist wertvoll. Das sollte gehört werden.
Aber Erfahrung ist keine Begründung dafür, dass es so bleiben muss, wie es war. Wir haben das immer so gemacht ist kein Argument – es ist eine Beschreibung. Und die Idealisierung einer Vergangenheit, die in der Erinnerung immer etwas heller leuchtet als in der Realität, ist eine Falle, in die auch kluge Menschen aus reiner Bequemlichkeit tappen.
Die Welt dreht sich. Nicht immer in die richtige Richtung, nicht immer im richtigen Tempo – aber sie dreht sich. Permanent. Wer das ignoriert, wird nicht gemütlich, er wird unsichtbar.
Also: Was ist das richtige Tempo?
Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht genau. Und ich halte jeden, der behauptet, es zu wissen, für jemanden, den ich genauer beobachten oder mich schnell aus dem Staub machen sollte.
Was ich weiß: Es ist nicht das Tempo der Langsamsten. Und es ist auch nicht mein Tempo an meinen schnellsten Tagen. Es ist vermutlich – und hier wird’s fast schon zen-artig – das Tempo, bei dem noch etwas passiert. Bei dem Menschen nicht nur nicken, sondern denken. Bei dem man nicht alle mitnimmt, aber die, die mitgenommen werden wollen.
Denn die Interessierten, die Neugierigen haben schon immer einen Weg gefunden, nicht abgehängt zu werden.
Der Rest ist dann von mir aus meine Verantwortung. Nicht als Entschuldigung für Tempolosigkeit. Sondern als Einladung: Kommt mit. Es lohnt sich.
Wir können über alles sprechen und ich verspreche, zwischendurch auch mal kurz zu warten.
Aber nur kurz.
„Die Jugendhütt‘ bringt sogar den Wolf in die Bütt“
Ei guude wie, ihr liebe Leit,
Jetzt steh ich hier – un bin bereit!
Jahrgang 63 un bald dreiunsechzisch Joahr – jetzt lacht net laut,
des is wie doppelt gemoppelt – awwer so war’s halt gebaut!
Sechzisch-drei geboren, dreiunsechzisch alt – des is korrekt,
der liebe Gott hot Humor – des hat der net versteckt!
Un trotzdem fühl ich mich wie zwölf, wenn’s um de Orplid klimmt
– des Herz wird jung, wenn’s um die Jugendhütt‘ bestimmt!
Na, ich verzähl eich, wie’s dazu komme is – passt gut uff:
Letschte Dienstag, Vorstandssitzung – ich als Öffi-Mann genuff!
Des Thema war die Jugendhütt – wie’s drum bestellt,
un was wer macht – des war wie aus ner annern Welt!
Keener wusst genau Bescheid, keener war zuständisch recht,
awwer GEREDET hawwe alle – des lief net schlecht!
„Die Jugend macht des!“ – „Nee, de Bauausschuss!“ – hin un her,
wie Ping-Pong ohne Ball – ihr wisst schon, was ich mein, oder?
Un ich sitz do un denk: „Mensch, DES kenn ich doch gut!
Des is wie früher!“ – Un dann fasst ich mir e Herz un Mut:
„Weeschte was? Heut is Fassenacht – da sach ich’s mol mit Schwung:
Was mer brauche im Orplid? DES IS JUGEND! – Des is jung!“
Die Jugendhütt‘, die Jugendhütt‘, die bringt sogar den Wolf in die Bütt!
Mit acht Jahr bin ich zum erste Mol zum Orplid komme
– mei Eltern ware mit’m Fahrrad durch de Wald genomme,
hawwe was entdeckt, was se sich mol angucke wollte,
un als mer vun de Kerschefreizeit zurück kam – da sollte
ich plötzlich OHNE Badehose ins Schwimmbad gehe?
Mit acht Jahr war des komisch – awwer ich sollt’s verstehe!
Un dann – mit zwölf – hab ich angefange Volleyball zu spiele,
net nur e Sport – nee, Freundschaft war des Ziel vun viele!
Zweimal Schulmannschaft, einmal Jugend, einmal Herre dazu,
am Wochenende Rundenspiele – Leit, des war VIEL – un wie! – puh!
Awwer des war net nur Sport – des war BEZIEHUNGE pur,
Mannschaftssport is des mit viele Mensche – des wees ich nur!
Mer war net nur Team uff’m Platz – mer war Familie im Verein,
un dank dem Orplid-Gelände konnt mer IMMER spiele – net allein!
Un dann – ich muss eich des verzähle, des is mir wichtisch heut –
kam der Sommer, wo ich gelernt hab, was Jugendarbeit bedeut:
Mer hawwe im Sandkasten die Alpe nachgebaut – net zum Spiele mit Auto-Kram,
es ging ums BAUE, ums SCHAFFE – des war unser Programm!
Dann unter die Dusch, grob sauber mache, ins Schwimmbad rein,
un dann – ab in die Jugendhütt – des war unser Schrein!
Mer hawwe die Luftmatratz vor die Glastür g’hängt – ganz fein,
damit’s drinne dunkel war – nur e bunt Birne sollt sein!
E Musikanlage vun daham mitgebracht, die Stimmung war bereit,
un dann – Flaschendrehe im Dunkle – des war die schönste Zeit!
Un dann hab ich – (Pause) – mei erste Kuss gemacht dort drin,
mit dem jung Mädchen meines Herzens – des war mein Gewinn!
(Pause für Reaktion)
Ja, ihr lacht – awwer des war ECHT! Des war mei Jugend hier!
Un paar Joar später… Da gabs Jugendsauna im Winter – des war der Ort für mir,
damit die Eltere vun de neie Angebetete se rausfahrn aufs Geländ,
odder Gitarrenkurs – net wege de Gitarre – ihr versteht des End?
Die Jugendhütt‘, die Jugendhütt‘, die bringt sogar den Wolf in die Bütt!
Mei Schwestere – die ware in de Damenmannschaft dabei,
un die hawwe es sogar in die ERSTE BUNDESLIGA gebracht – oh mei!
Die Herre-Mannschaft? Zweite Bundesliga hot se erreicht,
des hot dem Orplid Ruhm gebracht – weit über Darmstadt leicht!
Der Verein war bekannt – in Hesse, bundesweit sogar,
des Renommee war groß – des sach ich euch ganz klar!
Un ich? Ich war in keener vun denne Mannschafte drin,
awwer in de Jugend – un des war mei Gewinn!
Denn über de Volleyball kam ich zur Jugendarbeit groß,
net nur im Verein – ÜBERREGIONAL – des war famos!
Mit NB Rhein-Main hatte mer Jugendaustausch – ständig unterwegs,
mol die zu uns, mol mer dahin – des war unser Weg!
Un dann – mit de FKK-Jugend Landesverband Hesse weit –
musische Seminare, Wanderunge – des war unsre Zeit!
International uff INF-Jugendtreffe – Frankreich, Belgie, England – überall,
immer mit de gleiche Leut aus unserem Verein – des war unser Knall!
Un wisst ihr, was des Schönste war? Von de Ponderoase kam se her –
mei spätere Ehefrau – die Liebe meines Lebens, nix war mehr
nur Volleyball un Sport – nee, LIEBE kam dazu,
un DES verdank ich dem Austausch – dem Orplid – im Nu!
Des war net nur Spaß – des war GEMEINSCHAFT, die prägt fürs Lebe lang,
des war PLANE, ORGANISIEREN, MACHE – des war unser Gang!
Leit, ich muss eich was sache – un des is mir wichtisch heut:
Der Orplid war net nur e Verein – des war GEMEINSCHAFT für die Leut!
Mannschaftssport prägt – klar – awwer Jugendarbeit noch viel mehr,
des schafft Beziehunge, des schafft Kompetenzen – des is net schwer!
Diskutiere lerne, organisiere, planen für groß Veranstaltunge,
Teilnahmezettel ausfülle für die Zuschüss‘ – des ware Voraussetzunge!
Un wahrscheinlich – ja, ganz sicher – wurde damals schon gelegt
der Grundstein für des, was mich mein Lebe lang prägt.
Mich net nur für mich selbst zu engagiere – nee, mit annere z’samme,
Dinge zu realisiere, die uns ALLE weiterbringt – des is die Flamme!
Der Orplid war – un IS – e Mikrokosmos vun de Welt da draußen groß,
wo mer lernt, wie Gemeinschaft funktioniert – des war famos!
Die Jugendhütt‘, die Jugendhütt‘, die bringt sogar den Wolf in die Bütt!
Un jetzt – heut – steht die Jugendhütt leer, entkernet, still,
awwer Leit: DES MUSS NET SO BLEIWE! – wenn mer nur will!
Stellt eich vor: E Lehrküch mit Gmies aus unserem Mehr-Generatione-Garte frisch,
Kochkurse für Studente, für Singles – des wär tippisch!
Materiallager für de Bunte Abend, für Fassenacht wie heut,
Party-Raum für nach Turniere – des macht Freud!
Pizza-Fest am Pizzaofen – wie früher schon gemacht,
Disco bis spät – ohne Nachbarn – welch e Pracht!
Die Jugendhütt könnt widder werre, was se mol war damals hier:
E Heimathaafe, wo GEMEINSCHAFGT lebt – wo Liebe passiert!
Net nur für die Jugend – nee, für ALLE, die mitmache wolle jetzt,
wo Jung un Alt sich treffe, lerne, feiern – bis zuletzt!
Awwer – un des is wichtisch – DES GEHT NUR MITEINANNER:
Die Junge bringe frische Idee – des is der Renner!
Mir Alde hawwe Erfahrung, Kontakte, handwerklich Gschick,
zusamme sin mer stark – des is unser Glück!
Keener muss alles könne – des hat noch nie funktioniert,
awwer zusamme? Da wird geplant, gebaut, organisiert!
Der een hot Zeit, der anner hot Idee, der dritt hot Werkzeug mit,
der viert hot Kontakte – so geht des – Schritt für Schritt!
Die Jugendhütt‘, die Jugendhütt‘, die bringt sogar den Wolf in die Bütt!
Leit, ich steh hier net, um zu jammere oder zu kritisiere laut,
ich steh hier, weil ich an des glaab, was mer zusamme baut!
Der Orplid hot mir gegebe: Freundschaft, Liebe, Gemeinschaft, Mut,
Kompetenzen fürs Lebe – un des Gefühl: Zusamme is alles gut!
Un genau DES – des will ich weitergebe an die nächste Generation:
Dass de Orplid net nur e Verein is – nee, e ZUHAUSE schon!
Wo mer lernt, wie Gemeinschaft geht, wo mer Freunde findt fürs Lebe lang,
wo mer sei erste Kuss kriegt – (lacht) – un vielleicht sogar sei Lebenspartner – welch e Gang!
Also: Wer macht mit? Wer hot Idee? Wer will die Jugendhütt mit mir
zum Lebe erwecke? Wer will Gemeinschaft schaffe – hier?
Ich bin dabei – un ich hoff, ihr ah – ob alt, ob jung, egal wie,
der Orplid lebt durch uns – durch EICH – durch unsre Energie!
Un denkt dran:
Die Jugendhütt‘, die Jugendhütt‘, die bringt sogar den Wolf in die Bütt!
Un MORSCHE?
MORSCHE MACHE MER ZUSAMME WEITER – MIT HERZ UN MIT…
HELAU!
ORPLID!
AUF GEHT’S LEIT!
Werte vs. Handeln: Vom Sonnenaufgang zur Selbstverpflichtung – oder: Warum wir oft gegen unser besseres Wissen leben
Heute Morgen stand ich auf meinem Balkon. Die Sonne kam gerade über den Horizont gekrochen, noch ein bisschen verschlafen, wie ich selbst. Und dann kam er wieder, dieser Gedanke, der mich immer wieder überfällt wie ein ungebetener, aber hartnäckiger Gast: Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hatten so viele Menschen Zugang zu so viel Wissen. Und trotzdem – oder gerade deswegen? – klafft eine riesige Lücke zwischen unseren Werten und unserem Handeln.
Das Paradoxe daran ist: Ich schließe mich da ausdrücklich mit ein. Ich, der ich hier stehe, in der Morgensonne, und über die Welt reflektiere. Ich, der ich vermutlich später heute wieder eine Entscheidung treffen werde, bei der ich genau weiß, dass es bessere Alternativen gäbe. Der Leberkäse mit Bratkartoffeln in der Mittagspause statt des selbstgekochten Gemüses. Das Auto statt des Fahrrads. Die schnelle Lösung statt der nachhaltigen.
Werte vs. Handeln: Der Riss zwischen Wissen und Tun
Was ich mich frage – und das nicht zum ersten Mal, aber heute besonders intensiv –, ist nicht: „Warum handeln die anderen nicht?“ Sondern: „Warum handle ich selbst so oft gegen mein besseres Wissen?“ Diese Diskrepanz zwischen Werten und Handeln beschäftigt mich zutiefst. Und dann noch einen Schritt weiter: „Was kann ich, was können wir alle, jeden einzelnen Tag tun, damit Werte und Handeln besser zusammenpassen?“
Keine großen Fragen, oder? Und ich habe auch keine großen Antworten parat. Ich bin kein Weltverbesserer mit Masterplan, kein Guru mit der ultimativen Lösung. Ich bin jemand, der morgens aufsteht und versucht, seinen Tag so zu gestalten, dass Werte und Handeln halbwegs im Einklang stehen. Manchmal gelingt das ganz gut. Aber nicht immer.
Kognitive Dissonanz: Wenn Werte und Handeln auseinanderklaffen
Die Psychologie nennt das, was ich erlebe, „kognitive Dissonanz“ – dieser unangenehme Zustand, wenn unsere Werte und unser Handeln nicht übereinstimmen. Und ehrlich gesagt: Ich kenne diesen Widerspruch zwischen Werten und Handeln besser, als mir lieb ist. Da liegt mir soziale Gerechtigkeit am Herzen, aber noch immer sind ein paar Klamotten in meinem Kleiderschrank, die vermutlich unter fragwürdigen Bedingungen produziert wurden. Da möchte ich die Umwelt schützen, aber manchmal ist die Bequemlichkeit einfach größer als die Konsequenz. Fahrradfahren um den Gefrierpunkt ist schon arg hart. Oder?
Dieser Konflikt zwischen dem, was wir für richtig halten, und dem, was wir tatsächlich tun, prägt unseren Alltag mehr, als wir uns eingestehen möchten.
Die Kunst der Rechtfertigung: Warum Werte und Handeln so oft nicht zusammenpassen
Was machen wir, wenn wir die Kluft zwischen unseren Werten und unserem Handeln spüren? Wir werden kreativ. Meisterhaft kreativ sogar. Wir leugnen Informationen, werten Alternativen ab, vergleichen uns mit anderen („die anderen machen es ja auch nicht besser“) und relativieren unsere eigene Verantwortung („was macht mein bisschen Handeln schon für einen Unterschied?“).
Ich ertappe mich dabei regelmäßig. Diese innere Rechtfertigungsmaschinerie läuft bei mir auf Hochtouren, sobald ich mich zwischen dem, was ich für richtig halte, und dem, was gerade einfacher ist, entscheiden muss. Der Kampf zwischen Werten und Handeln findet jeden Tag statt – oft gewinnt die Bequemlichkeit.
Aber – und das ist vielleicht das Interessante daran – dieses schlechte Gewissen, dieser fahle Rest an Unbehagen, wird zunehmend schwerer zu ignorieren. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen. Vielleicht bedeutet es, dass die Dissonanz zwischen unseren Werten und unserem Handeln größer wird, lauter, drängender. Dass wir uns nicht mehr so leicht mit faulen Kompromissen zufriedengeben.
Die goldene Regel: Eine Brücke zwischen Werten und Handeln
Schon Otto Walkes sagte einst: „Was du nicht willst, das man dir will, das will auch nicht, was willst’n du.“ Dasis ist die uralte Regel, die in praktisch allen Kulturen und Religionen vorkommt: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“ Die goldene Regel. Klingt simpel, fast banal. Aber wenn ich ehrlich bin: Wie oft richte ich mein Handeln wirklich nach diesen Werten aus?
Wenn ich diese Regel ernst nehme – wirklich ernst –, dann bedeutet das mehr als nur nett zu meinen Mitmenschen zu sein. Dann bedeutet es auch: Ich will nicht ausgebeutet werden, also sollte ich nicht zu Ausbeutung beitragen. Ich will nicht, dass mein Lebensraum zerstört wird, also sollte ich sorgsam mit unserer Umwelt umgehen. Ich will nicht, dass künftige Generationen in einer katastrophengebeutelten Welt leben müssen, also sollte ich heute Verantwortung übernehmen.
Die goldene Regel könnte eine praktische Orientierung sein, um die Lücke zwischen Werten und Handeln zu schließen. Das ist nicht kompliziert. Aber es ist verdammt unbequem.
Werte und Handeln in Einklang bringen: Die Kernfrage
„Wer will ich sein in dieser Welt?“ Das ist vielleicht die Kernfrage, die sich mir heute Morgen auf dem Balkon gestellt hat. Nicht: „Was muss ich tun?“ Sondern: „Wer will ich sein?“ Und daraus folgt: Wie kann ich leben, sodass meine Werte und mein Handeln zusammenpassen?
Ich stelle mir manchmal vor, wie ich später einmal zurückblicke auf mein Leben. Was würde ich mir wünschen, dass man über mich sagen kann? Was wird mal in meiner Abschiedsfeier über mich gesagt? Dass ich es mir bequem gemacht habe? Dass ich immer den einfachsten Weg gegangen bin? Oder dass ich – bei allen Fehlern und Unzulänglichkeiten – versucht habe, in Übereinstimmung mit meinen Werten zu leben, die Spannung zwischen Werten und Handeln so klein wie möglich zu halten?
Ikigai: Werte und Handeln vereinen
Die japanische Ärztin Mieko Kamiya hat von „Ikigai“ gesprochen, dem Schnittbereich zwischen dem, was ich liebe, worin ich gut bin, wofür ich bezahlt werden kann und was die Welt braucht. Wenn ich ehrlich bin: Ich bin noch auf der Suche nach diesem Punkt, an dem Werte und Handeln perfekt zusammenfinden. Ich taste mich heran, stolpere manchmal, korrigiere meine Richtung. Aber die Suche selbst gibt meinem Leben schon Struktur und Sinn.
Werte in Handeln übersetzen: Hoffnung durch Tun
Hier ist das Verrückte: Ich weiß nicht, ob wir die Welt retten können. Ich weiß nicht mal, ob meine kleinen Bemühungen, Werte und Handeln besser aufeinander abzustimmen, irgendeinen Unterschied machen. Aber – und das ist der Punkt – das muss ich auch nicht wissen. Ich kann handeln, als könnte ich die Welt retten, ohne fest damit zu rechnen. Ich kann so leben, dass die Zukunft, die ich mir wünsche, ein kleines bisschen wahrscheinlicher wird.
„Hoffnung durch Handeln“ nennen das manche. Ich nenne es: Dem eigenen Gewissen gerecht werden. Sich morgens im Spiegel ansehen können. Wissen, dass ich es zumindest versucht habe, die Kluft zwischen meinen Werten und meinem Handeln zu verkleinern.
Ja, das ist manchmal mühsam. Ja, ich komme an Grenzen. Ja, ich scheitere regelmäßig an meinen eigenen Ansprüchen. Aber genau dieses Hadern, diese Unvollkommenheit, macht es auch einfacher, mit anderen darüber zu reden. Nicht als jemand, der es besser weiß, sondern als jemand, der es besser machen möchte – dessen Werte und Handeln noch nicht perfekt zusammenpassen, der aber daran arbeitet.
Werte leben statt nur bekennen: Eine Einladung
Wenn Du das bis hierher gelesen hast, dann hast Du vermutlich ähnliche Gedanken. Dann kennst Du vielleicht auch diesen Spagat zwischen Wissen und Handeln, zwischen Anspruch und Wirklichkeit, diese ewige Spannung zwischen Werten und Handeln. Und dann lade ich Dich ein – nicht auf einen perfekten Weg, sondern auf einen Weg des Versuchens.
Was wäre, wenn wir uns jeden Morgen fragen: „Wer will ich heute sein?“ Nicht in großen, dramatischen Gesten, sondern in den kleinen Entscheidungen des Alltags. Bei der Frage, was ich esse, wie ich zur Arbeit komme, wie ich mit anderen Menschen spreche, wie ich meine Zeit verbringe. Kleine Schritte, um Werte und Handeln Schritt für Schritt besser aufeinander abzustimmen.
Fazit: Die Reise von Werten zu Handeln ist ein Prozess
Ich weiß nicht, ob das die Welt rettet. Aber ich weiß, dass es mir hilft, halbwegs mit mir im Reinen zu sein. Dass es den Abstand zwischen meinen Werten und meinem Handeln ein bisschen kleiner macht. Dass es mir erlaubt, wenn mich meine Urenkel irgendwann fragen sollten: „Was hast du eigentlich damals gemacht?“, eine Antwort zu geben, die ich selbst aushalten kann.
Der Konflikt zwischen Werten und Handeln wird nie vollständig gelöst werden. Von mir schjon gar nicht. Aber wir können alle daran arbeiten, diese Lücke kleiner zu machen. Jeden Tag ein bisschen. Nicht perfekt, aber beharrlich.
Heute Morgen auf dem Balkon, als die Sonne aufging, habe ich mir vorgenommen: Ich versuche es. Wieder. Und immer wieder. Weiter. Nicht perfekt, aber beharrlich. Nicht laut, aber konsequent. Nicht belehrend, aber einladend. Ich versuche, meine Werte in Handeln zu übersetzen – so gut ich kann.
Vielleicht machst Du ja mit?
Zusammenfassung für die Schnellleser unter uns: Werte vs. Handeln verstehen und überwinden
Die Diskrepanz zwischen unseren Werten und unserem Handeln ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn wir gegen unser besseres Wissen handeln. Die goldene Regel und das japanische Ikigai-Konzept bieten praktische Ansätze, um Werte und Handeln besser in Einklang zu bringen. Der Weg ist nicht perfekt, aber jeder kleine Schritt zählt.
Quellen: Dieser Blogbeitrag basiert auf Gedanken und Konzepten aus dem Buch von Maren Urner „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ – nach zwei mal selbst lesen höre ich nun das Hörbuch – und ist inspiriert von weiteren weit schlaueren Menschen als ich, die über Werte, Verantwortung und sinnvolles Handeln nachgedacht haben.
Verwandte Themen: Kognitive Dissonanz, Wertekonflikt, Persönliche Entwicklung, Nachhaltigkeit im Alltag, Authentisch leben, Selbstreflexion, Goldene Regel, Ikigai, Verantwortung übernehmen
Wohnen. Raum und Verantwortung
150 Quadratmeter. Dann 120. Jetzt 46.
Das ist nicht die Entwicklung meiner Schuhgröße, sondern meine persönliche Wohnfläche pro Person der letzten Jahre. Einmal mit Kind, dann zu zweit, heute allein. Und während die durchschnittliche Wohnfläche für Singles in Deutschland bei 73,3 Quadratmetern liegt, lebe ich auf 46. Sogar unter dem bundesweiten Durchschnitt von 49,2 Quadratmetern pro Kopf.
Verzicht? Keineswegs. Ich habe in diesen 46 Quadratmetern mehr Freiheit als je zuvor in den 150. Denn ich kann fast alle Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Das Auto steht. Ich wohne mitten in der Stadt – und doch so nah an Park, Wald und Wiese, dass ich mit meinem Hund NaLa prächtige Gassirunden machen kann, ohne erst mit dem Auto irgendwo hinfahren zu müssen. Mathildenhöhe, Rosenhöhe, Fasanerie, Lichtwiese – alles zu Fuß erreichbar. Der Alltag ist Entmüllung – nicht nur von Dingen, sondern von Verpflichtungen.
Wie viel Wohnfläche pro Person ist normal in Deutschland?
Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Deutschland beträgt 49,2 Quadratmeter (Stand 2024). Doch hinter diesem Durchschnitt verbirgt sich eine erstaunliche Ungleichverteilung:
- Einpersonenhaushalte: 73,3 m² pro Person
- Zweipersonenhaushalte: 51,5 m² pro Person
- Haushalte mit 4+ Personen: nur 30 m² pro Person
Die Wohnfläche pro Kopf ist in den letzten 30 Jahren um 40 Prozent gestiegen: von 35 Quadratmetern 1991 auf heute 49,2 Quadratmeter. Singles wohnen mit 73,3 Quadratmetern pro Kopf 50 Prozent großzügiger als der Durchschnitt.
Wir haben also kein Wohnraumproblem, sondern ein Verteilungsproblem. Und vielleicht auch ein Werteproblem.
Der Widerspruch: Vom Eigenheim zur Strohhütte
Mir begegnen immer wieder Menschen, die mir erzählen: „Wir ziehen aufs Land, in der Stadt können wir uns die Wohnfläche nicht leisten, die wir brauchen.“ Das Eigenheim mit Garten wird gebaut oder gekauft. Zwei Autos sind jetzt nötig, der Arbeitsweg länger, ständig werden die Kinder irgendwo hin gefahren oder abgeholt, die Fahrkosten steigen. Man muss mehr verdienen. Mehr arbeiten. Um sich dann im Urlaub in eine Strohhütte am Strand zu sehnen. Oder in meinem Fall: in einen Campingbus am See.
Moment. Stopp. Lies das nochmal.
Menschen verlassen die Stadt, weil sie sich dort nicht genug Wohnraum leisten können. Sie kaufen oder bauen auf dem Land, brauchen Autos, arbeiten mehr, um das alles zu finanzieren, sind immer gestresster…
Und träumen von einem Urlaub mit genau dem, was sie verlassen haben: Einfachheit. Wenig Raum. Mobilität zu Fuß. Kein Auto.
Im Campingbus leben wir freiwillig auf 10-15 Quadratmetern – im Wohnmobil/Wohnwagen vielleicht auf 20 oder 25, in der Strohhütte am polynesischen Strand auf weniger als 30 – und empfinden es als pure Freiheit. Zurück zu Hause in 120 Quadratmetern fühlen wir uns eingeengt. Das ist doch verrückt, oder?
Enkeltauglichkeit: Weniger Wohnfläche, mehr Lebensqualität
Ich habe für einen Begriff gefunden und für mich etabliert, der meine Entscheidungen leitet: Enkeltauglichkeit. Das bedeutet nicht, dass ich Enkel habe und stets an diese denke. Es bedeutet: Ich frage mich, ob mein Leben, mein ökologischer Fußabdruck so gestaltet ist und von mir gelebt wird, dass er nicht auf Kosten zukünftiger Generationen geht.
150 Quadratmeter heizen, kühlen, instand halten. Autos tanken, versichern, warten. Straße fegen, Rasenmähen, Hecke schneiden, Dach reparieren. Das alles kostet nicht nur Geld, sondern vor allem die wichtigste Ressource: Zeit. Und Lebensenergie.
Meine 46 Quadratmeter Wohnfläche sind meine Strohhütte. Nicht im Urlaub, sondern im Alltag. Und mein Campingbus am See ist kein Fluchtpunkt, sondern die Fortsetzung dessen, was ich zu Hause lebe: Einfachheit. Bewegungsfreiheit. Weniger Verpflichtungen.
Die Frage nach dem „Wie viel“
Ich will niemanden überzeugen, kleiner zu wohnen. Ich will nicht bewerten, wer wie viel Raum braucht. Familien mit Kindern brauchen Platz, das ist klar. Aber ich frage mich: Woher kommt diese Sehnsucht nach immer mehr Raum? Ist das wirklich unser inneres Bedürfnis? Oder sind es veraltete Statussymbole, Hochglanzmagazine, Instagram, der Vergleich mit anderen?
Und vor allem: Was, wenn Minimalismus nicht Verzicht ist, sondern der Weg zu dem, was wir im Urlaub suchen?
Weniger Quadratmeter, mehr Leben
Weniger Raum kann mehr Freiheit bedeuten. Weniger Besitz kann mehr Beweglichkeit bedeuten. Weniger Verpflichtungen können mehr Zeit bedeuten.
Ich wohne auf 46 Quadratmetern – deutlich unter der durchschnittlichen Wohnfläche für Einpersonenhaushalte in Deutschland. Und jeden Tag freue ich mich darüber, dass ich zu Fuß gehen kann, statt im Auto zu sitzen. Dass ich weniger putzen muss, weniger reparieren, weniger besitzen.
Meine Enkeltauglichkeit misst sich nicht daran, was ich hinterlasse, sondern daran, was ich eben nicht verbrauche.
Vielleicht ist die Strohhütte am Strand gar nicht der Urlaubstraum. Vielleicht ist sie die Einladung, anders zu leben. Jeden Tag.
Ich bin glücklich mit meinem Leben
Über Schokolade, Scheidungen und die Frage, was ein gelungenes Leben ausmacht
Kurz vor Weihnachten bekam ich ein Buch geschenkt. Der Titel: „Wozu wir da sind“, im Untertitel „Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“. Der Autor ist Axel Hacke, der in der Süddeutschen eine feste Kolumne hat: „Die Toten der Woche“. Dort veröffentlicht er sehr individuelle Nachrufe. In Summe geht er der Frage nach, was ein gelungenes Leben ausmacht.
Bei der Lektüre dieses Buches fiel mir ein anderes Buch ein, das ich schon vor Jahren las. Ich kaufte es mir als Hörbuch und merkte ungefähr beim vierten Kapitel: Das kenne ich doch. Steht in meinem Schrank. Tatsächlich – da steht es. Ich nehme es raus, und ein Lesezeichen platzt mir entgegen.
Jetzt schließt sich der Kreis zu einem Satz, der mir seit Tagen durch den Kopf geht:
Ich bin glücklich mit meinem Leben.
WeiterlesenWorkshop Selbstversuch: „Finde deine Werte“ (und warum ich dafür fast ein halbes Jahr gebraucht hab)
Du kennst mich. Ich bin ja so einer, der bei „mal kurz testen“ innerlich schon den Ordner „Dokumentation“ anlegt. Und weil ich ein alter Dinosaurier bin, der erst alles selber angreifen muss, bevor er sagt: „Aha“, hab ich mir diesen „Finde deine Werte“-Workshop als Selbstversuch reingezogen. Mit mir selbst. Klingt komisch, ist aber die natürlichste Form von Gruppendynamik, weil man sich dabei am zuverlässigsten gegenseitig in die Quere kommt.
Der Workshop heißt „Finde deine Werte“. Und dieser Titel ist so frech einfach, dass man zuerst denkt: Ja eh.
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