Große Stunden, Persönliches & Geschichten

Der Weg ist das Ziel

Schwarzwald · Dreiländereck · Jura · Route Napoléon · Provence · Côte d’Azur — und ein Konzert aus Köln

Reisetagebuch · Juni 2026

Irgendwo zwischen Feldberg und Lörrach, auf einer dieser kurvenreichen Schwarzwaldstraßen, die das Navi am liebsten ignorieren würde, läuft Keith Jarrett. NaLa liegt hinten. Und ich fahre zum ersten Mal in meinem Leben nicht ans Mittelmeer — ich fahre durch das Mittelmeer. Der Unterschied, so stellt sich heraus, ist erheblich.

Es ist schon merkwürdig, wie oft man dieselbe Reise machen kann, ohne sie je wirklich gemacht zu haben. Mit 17 bin ich zum ersten Mal dorthin gefahren — mit meiner damaligen Freundin und deren Eltern, La Favière war das noch nicht. Das kam erst später. Die ersten Jahrzehnte war es KonTiki in Ramatuelle, neben Saint-Tropez. Dann verschiedene Orte an der Küste, mal hier, mal dort, wie man das so macht, wenn man jung ist und die Côte d’Azur noch entdeckt. Seit Jahren zieht es mich immer wieder nach La Favière — ruhiger, echter, weiter weg vom Rummel.

Das erste Mal war super. Und dann immer wieder. Erst mit Freunden. Dann mit Freundin, die meine Frau wurde, und dann mit meiner kleinen Familie. Als das Kind ausgezogen war, nur noch mit Frau, später mit Frau und Hund und dann nur noch mit Hund. Nd dann immer häufiger mit Cousins. 

In den letzten Jahren verbringe ich gerne den ganzen Oktober dort; in meinem Out-of-Home-Office.

Dieses Mal ist es ein Kaffee. Meine Tochter macht dort in der Nähe Urlaub, und wir haben uns verabredet. Kein großer Plan, kein langer Aufenthalt — ein Kaffee. Manchmal ist das genug. Manchmal ist das alles.

45 Jahre lang bin ich nun ans Mittelmeer gefahren. Immer auf direktem Weg, immer auf der Autobahn, immer mit dem Gefühl, den Urlaub erst dann zu beginnen, wenn ich das Meer zum ersten Mal sehe. Heute ist das anders. Dieses Mal fahre ich keinen einzigen Kilometer Autobahn. Der Gangsta — mein Campingbus — NaLa und der Muli (mein Lastenrad): das ist die Crew. Oder passender: das Rudel. Und das Rudel fährt gerade durch den Schwarzwald.

Den Feldberg haben wir gerade hinter uns gelassen. Lörrach ist 31 Kilometer entfernt, Basel 41. Irgendwo da drüben liegt die Grenze nach Frankreich, und die werden wir bald überschreiten. Aber erst mal: Todtnau. Der Name trifft mich wie ein Geruch aus einer anderen Zeit.

Ich war vier, vielleicht fünf Jahre alt, als meine Eltern mich zum ersten Mal hierher brachten. Skiurlaub. Die ganze Familie, Geschwister eingeschlossen, in irgendeinem Ferienwohnanlage. Hier habe ich das Skifahren gelernt. Oder besser: Hier hat mir der Schnee beigebracht, dass Fallen kein Scheitern ist, sondern einfach Teil des Lernens. Das vergisst man als Erwachsener leicht.

Die Straße windet sich durch weite Täler und über den Pass. Es ist die Art von Straße, auf der man automatisch langsamer wird — nicht weil man muss, sondern weil die Landschaft es einem freundlich nahelegt. Tannen, die bis an den Asphalt heranreichen. Licht, das durch das Blätterdach bricht und auf der Windschutzscheibe flackert wie ein alter Stummfilm. Hinter einer Kurve: das Tal öffnet sich. Für einen Moment halte ich kurz inne.

Dann kommen sie. Zuerst die Harley-Davidsons — mindestens zwanzig Maschinen, tieftönig und selbstzufrieden. Ich nicke innerlich. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Motorräder und ich, das ist keine große Liebesgeschichte, und Harley-Pulks schon gar nicht — aber Reisende sind Reisende, auch wenn sie andere Uniformen tragen. Ein kurzes Nicken im Geiste, von Rudel zu Rudel, das reicht.

Kurz darauf: die Ferraris. Ausschließlich rot, mindestens zehn, alle 308 GTS in Marlboro-rot, als hätte jemand die Magnum-Fernsehserie der Achtziger kurz auf Pause gedrückt und die Requisite geklont auf eine Schwarzwaldstraße losgelassen. Hier nicke ich nicht mal innerlich. Als ökologisch denkender Mensch tue ich mich schwer damit, wenn eine Gruppe Schweizer Ferrari-Fahrer einfach so, aus purem Spaß, durch den Schwarzwald cruist. Ein bisschen neureich, ein bisschen prollig. Es sind wahrscheinlich nicht die Werte, die uns verbinden würden. Mein Rudel besteht aus Campingbus, Lastenrad und Hund — und das fühlt sich nicht nur heute sehr viel richtiger für mich an.

Ich fahre allein. Na ja — nicht ganz. NaLa schläft hinten, und aus den Lautsprechern klingt etwas, das sich nicht wirklich beschreiben lässt, außer vielleicht so: wie wenn jemand aus dem Nichts heraus ein Gespräch mit dem Universum beginnt.

Keith Jarrett, The Köln Concert, 24. Januar 1975. Die Geschichte dieser Nacht ist fast zu gut, um wahr zu sein. Und doch stimmt sie.

Die erst 18-jährige Vera Brandes hatte das Konzert organisiert — das erste Jazzkonzert, das je in der Kölner Oper stattfand. Jarrett hatte einen Bösendorfer Imperial bestellt, jenen großen Konzertflügel mit dem vollen Klangspektrum. Stattdessen stand auf der Bühne ein kleinerer Bösendorfer-Stutzflügel, der normalerweise für Proben benutzt wurde: dünner Diskant, schwacher Bass, defekte Pedale. Der bestellte Flügel? Stand gut verpackt in einem geschlossenen Korridor zwischen Opernhaus und Theater. Niemand hatte ihn gefunden.

Jarrett war erschöpft nach einer stundenlangen Autofahrt aus der Schweiz. Zwei Tage nicht geschlafen. Heftige Rückenschmerzen. Als er das kaputte Klavier sah, wollte er sofort absagen. Das Haus war ausverkauft, über 1.400 Zuschauer warteten. Es war Vera Brandes, die ihn überzeugte zu spielen — mit dem hartnäckigen Drängen einer Achtzehnjährigen, die nicht glauben wollte, dass diese Nacht scheitern durfte.

Techniker verbrachten Stunden damit, das Instrument zumindest spielbar zu machen. Dann trat Jarrett auf — und weil der Bass schwach war, erfand er rhythmische Figuren in der linken Hand, die das Konzert zu dem machten, was es ist. Der kaputte Flügel erzwang das Meisterwerk.

Heute ist das Köln Concert das meistverkaufte Solo-Jazzalbum der Geschichte. Über vier Millionen Exemplare — wobei ich persönlich für drei davon gesorgt habe: mit 20 die LP, mit 30 die CD, mit 50 noch einmal digital bei Apple Music. Man kauft manche Dinge nicht, weil man sie braucht. Man kauft sie, weil sie zu einem gehören.

Jarrett selbst hat einmal gesagt: „Es ist immer wieder, als würde ich nackt auf die Bühne treten. Das Wichtigste bei einem Solokonzert ist die erste Note, die ich spiele, oder die ersten vier Noten. Wenn sie genug Spannung haben, folgt der Rest des Konzerts daraus fast selbstverständlich.”

Ich denke daran, während die Kurven kommen und gehen. Es ist die erste Note. Den Feldberg hinter sich lassen und einfach fahren, ohne zu wissen, was die nächste Kurve zeigt — das ist auch eine erste Note. 45 Jahre lang habe ich den Urlaub erst dann beginnen lassen, wenn ich ankam. Das hier ist die erste Note.

NaLa bewegt sich kurz, streckt sich, schläft weiter. Sie weiß instinktiv, was ich erst seit heute wirklich verstehe: dass es keine Eile gibt. Dass die Tannen da sind, um betrachtet zu werden. Dass ein Kaffee mit der Tochter irgendwo an der Côte d’Azur kein kleines Ziel ist, sondern genau das richtige. Dass die Kurven, die man als Kind im Skiurlaub mit Skiern genommen hat, jetzt, mit dem Campingbus, dieselben Kurven sind — und doch völlig andere.

Lörrach rückt näher. Dann Basel. Dann Frankreich. Dann, irgendwann, das Mittelmeer — und die Menschen, die dort warten. Manche verabredet, manche zufällig, manche beides. Immer Familie, egal wie man es nennt.

Das Rudel ist unterwegs.

Geschrieben (diktiert, schreiben lassen und dann redigiert) irgendwo zwischen Feldberg und Dreiländereck · mit NaLa · ohne Autobahn.