Das Bild sagt eigentlich alles. Erschöpfte Beine ausgestreckt, Rücken gegen Holzstämme, NaLa daneben mit der Zunge draußen — sie ist übrigens genauso kaputt wie ich. Wer das sieht, denkt: bequem. Stimmt auch. Aber es ist verdiente Bequemlichkeit, und das ist ein ziemlich wichtiger Unterschied.
Was „kostenlos“ wirklich kostet
Es gibt in meinem Leben eine Faustregel, die sich über Jahrzehnte bewährt hat: Wenn mir eine Firma etwas kostenlos anbietet, schaue ich genauer hin und frage mich warum sie das tut und womit ich eigentlich bezahle.
Die Antwort auf diese Frage ist selten bequem.
Spotify hat mir — das muss ich zugeben — echte Freude gemacht. Neue Musik, Empfehlungen, die erstaunlich gut getroffen haben, eine Bibliothek, die keine Plattenkiste der Welt schlagen kann. Und trotzdem habe ich bereits letzten Sonntag, anlässlich eines selbstausgerufenen digitalen Unabhängigkeitstags, meinen Account gelöscht. Weil Spotify Künstler systematisch aushungert, weil Streaming-Infrastruktur ökologisch eine Katastrophe ist, und weil ich irgendwann aufgehört habe, mir meine Playlist selbst zusammenzustellen — und angefangen habe, die Entscheidung einem Algorithmus zu überlassen, der nicht meine Interessen hat, sondern die seiner Werbekunden.
Netflix: dasselbe. Das Wort „netflixen“ als Verb war für mich der Moment, wo ich gemerkt habe, dass wir kollektiv etwas normalisiert haben, was eigentlich einer genaueren Betrachtung bedarf. Acht Folgen à 45 Minuten an einem Wochenende — das ist kein Genuss, das ist eine Kapitulation. Auch weg.
Microsoft: Ich bin seit den achtziger Jahren Apple-Nutzer, und das hatte damals nichts Politisches. Es hatte mit Design zu tun. Windows sah einfach fürchterlich aus. Inzwischen hat sich die Diskussion verschoben — spätestens seitdem amerikanische Konzerne europäischen Behörden den Zugang zu vermeintlich eigenen Konten gesperrt haben, ist eine Grenze überschritten, die auch meine Werte betrifft. Open Source ist nicht bequemer. Aber es ist meiner.
E-Mail: Schon seit Jahrzehnten frage ich Leute, ob sie noch ganz frisch sind, wenn sie mir ihre Gmail-Adresse geben. Kostenlose E-Mail gibt es nicht. Es gibt E-Mail, bei der du der Preis bist.
Amazon: Das ist keine neue Geschichte. Seit vielen Jahren privat gestrichen, geschäftlich der größte rote Stempel in meinem Kopf. Was mich dabei immer wieder fassungslos macht: dieselben Menschen, die sich über LKW-Kolonnen auf der Autobahn beschweren, klicken sich am Abend als Prime-Kunden durch den nächsten Tageslieferservice. Das passt logistisch nicht zusammen. Und ökologisch erst recht nicht.
Facebook, Instagram: Beide gehören zu einem Unternehmen, dessen Chef mir ausreichend deutlich gemacht hat, was er von Dingen hält, die mir wichtig sind. Ich muss da nicht weitermachen.
Mein bequemes Leben — und was es wirklich is
Wer mich kennt, weiß, dass ich früher gerne und viel Auto gefahren bin. Aber das ist vorbei. Meine Agentur ist fünfzig Meter von meiner Wohnung entfernt. Kein Pendeln, kein Stau, keine verschwendete Zeit. Das sieht aus wie Bequemlichkeit. Und ja, es ist bequem.
Aber es ist das Ergebnis von Entscheidungen, die jahrelang alles andere als bequem waren. Der schnellste Weg zur eigenen Agentur ist Selbstständigkeit — und Selbstständigkeit ist ein Konzept, das man nicht romantisieren sollte. Der Preis, keinen blöden Chef mehr zu haben, ist, selbst Chef zu werden. Das Finden des richtigen Bürostandorts war keine glückliche Fügung, sondern eine Aufgabe, die Fleiß und einige unangenehme Kompromisse verlangt hat.
Das, was heute bequem wirkt, ist das Ergebnis von Werten, Haltung und Arbeit. In dieser Reihenfolge.
Steht irgendwo geschrieben, dass bequem automatisch gut ist?
Adam und Eva hatten im Paradies bestimmt ein schönes, bequemes Leben. Aber wir wissen alle, wie das ausging.
Wer die Welt verändert hat — ob er das Feuer oder das Rad erfunden hat, die Ozeane überquert oder die sozialen Verhältnisse seiner Zeit in Frage gestellt und verändert hat —, der ist morgens nicht aufgestanden mit dem Plan, es sich so bequem wie möglich zu machen. Gleichberechtigung war nicht bequem. Antirassismus ist nicht bequem. Vieles, was wir heute als Errungenschaft betrachten, war in seiner Entstehung das Gegenteil von bequem.
Der Umkehrschluss ist brutal simpel: Wenn alles bleiben soll, wie es ist, reicht Bequemlichkeit. Wer Veränderung will — auch zum Besseren —, muss das Unbequeme in Kauf nehmen.
Das gilt im Kleinen, wenn ich entscheide, nicht bei Amazon zu kaufen, obwohl es drei Klicks einfacher wäre. Und es gilt im Großen, wenn eine Gesellschaft entscheidet, wie sie mit Klimawandel, Rechtsruck und dem schleichenden Abbau von Dingen umgeht, die sie eigentlich für selbstverständlich gehalten hat. Die bequeme Option — nichts ändern, nirgends anecken, einfach so weitermachen — ist in solchen Momenten nicht neutral. Sie ist eine Entscheidung. Nur eine sehr stille.
Unbequemer Mensch
Ich höre gelegentlich — natürlich immer nur über Ecken, nie direkt —, dass der Wolf ein unbequemer Mensch sein kann. Früher hätte mich das etwas beschäftigt. Heute sehe ich es als Kompliment.
Wer unbequem ist, hat eine Haltung, die auch mal gerieben hat. An etwas, das andere lieber unberührt gelassen hätten. Das kann vieles sein — eine falsche Entscheidung, ein bequemer Konsens, eine Praxis, die niemand laut in Frage stellt, weil es einfacher ist, mitzumachen.
Bequem und unbequem sind keine moralischen Kategorien. Aber sie sind ehrliche. Und ich habe, mit NaLa neben mir auf diesen Holzplanken, nichts zu bereuen.

Geschafft nach getaner Arbeit. Die Pause schmeckt besser, wenn man weiß, womit man sie verdient hat.
Danke P.Sea für das tolle Bild – das hier perfekt zu meinem Text passt.
