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Wohnen. Raum und Verantwortung

Meer und Strand

150 Quadratmeter. Dann 120. Jetzt 46.

Das ist nicht die Entwicklung meiner Schuhgröße, sondern meine persönliche Wohnfläche pro Person der letzten Jahre. Einmal mit Kind, dann zu zweit, heute allein. Und während die durchschnittliche Wohnfläche für Singles in Deutschland bei 73,3 Quadratmetern liegt, lebe ich auf 46. Sogar unter dem bundesweiten Durchschnitt von 49,2 Quadratmetern pro Kopf.

Verzicht? Keineswegs. Ich habe in diesen 46 Quadratmetern mehr Freiheit als je zuvor in den 150. Denn ich kann fast alle Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Das Auto steht. Ich wohne mitten in der Stadt – und doch so nah an Park, Wald und Wiese, dass ich mit meinem Hund NaLa prächtige Gassirunden machen kann, ohne erst mit dem Auto irgendwo hinfahren zu müssen. Mathildenhöhe, Rosenhöhe, Fasanerie, Lichtwiese – alles zu Fuß erreichbar. Der Alltag ist Entmüllung – nicht nur von Dingen, sondern von Verpflichtungen.

Wie viel Wohnfläche pro Person ist normal in Deutschland?

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person in Deutschland beträgt 49,2 Quadratmeter (Stand 2024). Doch hinter diesem Durchschnitt verbirgt sich eine erstaunliche Ungleichverteilung:

  • Einpersonenhaushalte: 73,3 m² pro Person
  • Zweipersonenhaushalte: 51,5 m² pro Person
  • Haushalte mit 4+ Personen: nur 30 m² pro Person

Die Wohnfläche pro Kopf ist in den letzten 30 Jahren um 40 Prozent gestiegen: von 35 Quadratmetern 1991 auf heute 49,2 Quadratmeter. Singles wohnen mit 73,3 Quadratmetern pro Kopf 50 Prozent großzügiger als der Durchschnitt.

Wir haben also kein Wohnraumproblem, sondern ein Verteilungsproblem. Und vielleicht auch ein Werteproblem.

Der Widerspruch: Vom Eigenheim zur Strohhütte

Mir begegnen immer wieder Menschen, die mir erzählen: „Wir ziehen aufs Land, in der Stadt können wir uns die Wohnfläche nicht leisten, die wir brauchen.“ Das Eigenheim mit Garten wird gebaut oder gekauft. Zwei Autos sind jetzt nötig, der Arbeitsweg länger, ständig werden die Kinder irgendwo hin gefahren oder abgeholt, die Fahrkosten steigen. Man muss mehr verdienen. Mehr arbeiten. Um sich dann im Urlaub in eine Strohhütte am Strand zu sehnen. Oder in meinem Fall: in einen Campingbus am See.

Moment. Stopp. Lies das nochmal.

Menschen verlassen die Stadt, weil sie sich dort nicht genug Wohnraum leisten können. Sie kaufen oder bauen auf dem Land, brauchen Autos, arbeiten mehr, um das alles zu finanzieren, sind immer gestresster…
Und träumen von einem Urlaub mit genau dem, was sie verlassen haben: Einfachheit. Wenig Raum. Mobilität zu Fuß. Kein Auto.

Im Campingbus leben wir freiwillig auf 10-15 Quadratmetern – im Wohnmobil/Wohnwagen vielleicht auf 20 oder 25, in der Strohhütte am polynesischen Strand auf weniger als 30 – und empfinden es als pure Freiheit. Zurück zu Hause in 120 Quadratmetern fühlen wir uns eingeengt. Das ist doch verrückt, oder?

Enkeltauglichkeit: Weniger Wohnfläche, mehr Lebensqualität

Ich habe für einen Begriff gefunden und für mich etabliert, der meine Entscheidungen leitet: Enkeltauglichkeit. Das bedeutet nicht, dass ich Enkel habe und stets an diese denke. Es bedeutet: Ich frage mich, ob mein Leben, mein ökologischer Fußabdruck so gestaltet ist und von mir gelebt wird, dass er nicht auf Kosten zukünftiger Generationen geht.

150 Quadratmeter heizen, kühlen, instand halten. Autos tanken, versichern, warten. Straße fegen, Rasenmähen, Hecke schneiden, Dach reparieren. Das alles kostet nicht nur Geld, sondern vor allem die wichtigste Ressource: Zeit. Und Lebensenergie.

Meine 46 Quadratmeter Wohnfläche sind meine Strohhütte. Nicht im Urlaub, sondern im Alltag. Und mein Campingbus am See ist kein Fluchtpunkt, sondern die Fortsetzung dessen, was ich zu Hause lebe: Einfachheit. Bewegungsfreiheit. Weniger Verpflichtungen.

Die Frage nach dem „Wie viel“

Ich will niemanden überzeugen, kleiner zu wohnen. Ich will nicht bewerten, wer wie viel Raum braucht. Familien mit Kindern brauchen Platz, das ist klar. Aber ich frage mich: Woher kommt diese Sehnsucht nach immer mehr Raum? Ist das wirklich unser inneres Bedürfnis? Oder sind es veraltete Statussymbole, Hochglanzmagazine, Instagram, der Vergleich mit anderen?

Und vor allem: Was, wenn Minimalismus nicht Verzicht ist, sondern der Weg zu dem, was wir im Urlaub suchen?

Weniger Quadratmeter, mehr Leben

Weniger Raum kann mehr Freiheit bedeuten. Weniger Besitz kann mehr Beweglichkeit bedeuten. Weniger Verpflichtungen können mehr Zeit bedeuten.

Ich wohne auf 46 Quadratmetern – deutlich unter der durchschnittlichen Wohnfläche für Einpersonenhaushalte in Deutschland. Und jeden Tag freue ich mich darüber, dass ich zu Fuß gehen kann, statt im Auto zu sitzen. Dass ich weniger putzen muss, weniger reparieren, weniger besitzen.

Meine Enkeltauglichkeit misst sich nicht daran, was ich hinterlasse, sondern daran, was ich eben nicht verbrauche.

Vielleicht ist die Strohhütte am Strand gar nicht der Urlaubstraum. Vielleicht ist sie die Einladung, anders zu leben. Jeden Tag.

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Mein Blog trägt nicht ohne Grund den Zusatz: aus-dem-Leben-eines-fast-ALLES-ein-bisschen-KÖNNERS. Ich gehöre zu den Autodidakten, die alles erst einmal selber machen müssen, um zu verstehen, was wie geht, wer was u. U. besser kann und resultierend was wie lange dauert und kostet.

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