Es gibt Sätze, die ich nicht mehr hören kann.
Nicht weil sie falsch wären. Nicht weil ich sie nicht verstehe. Sondern weil sie so oft als Deckel benutzt werden, um Töpfe zuzuhalten, unter denen gar nichts kocht.
„Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie sind.“
„Wir dürfen niemanden verlieren.“
Ich kenne diese Sätze. Ich habe diese Sätze selbst gesagt. Und irgendwann habe ich aufgehört, sie zu sagen – weil mir aufgefallen ist, dass sie in erschreckend vielen Gesprächen nicht als Einladung zur Empathie gemeint waren, sondern als Einladung zum Stillstand. Als elegante Begründung dafür, dass man eben nichts tun muss. Nichts verändern. Nichts wagen. Weil: die anderen kommen ja noch nicht mal mit.
Dabei ist die Frage, die dahintersteckt, eigentlich eine der interessantesten überhaupt: Welche Geschwindigkeit ist die richtige?
Ich spreche schnell. Das ist bekannt.
Ich denke beim Sprechen. Oder: Ich spreche, während ich denke. Das ist nicht dasselbe, klingt aber oft so. Wer mir beim Reden zuschaut, sieht manchmal einen Menschen, der seinen eigenen Gedanken um eine halbe Sekunde hinterherläuft – und trotzdem, oder vielleicht genau deshalb, irgendwie am Ziel ankommt.
Im Beruf hat mir das nie jemand ernsthaft vorgeworfen. Kunden und Mitarbeiter haben verstanden, worum es geht. Nicht weil ich sie mit Charme betäubt hätte, sondern weil ich ihnen etwas Echtes angeboten habe: Wissen, Erfahrung, Argumente. Dinge, die man nachvollziehen kann. Die Geschwindigkeit war dabei nicht das Problem – sie war, wenn man so will, Teil des Angebots. Wer schnell denkt, hat in der Regel auch schnell gedacht.
Jetzt bin ich im Ehrenamt. Vorstand. Einer der Jüngeren. Mit 62 Lenzen. Und dort höre ich etwas, das mich – sagen wir: beschäftigt.
Nicht: „Jürgen, du bist zu schnell, wir können dir nicht folgen.“
Sondern: „Jürgen, du bist zu schnell. Da kann dir doch niemand folgen.“
Der Unterschied ist klein. Der Unterschied ist riesig.
Da kann niemand folgen – nicht wir.
Ein kleines Wörtchen, das viel verrät. Es ist die Formulierung der Entpersonalisierung. Aus „ich verstehe das nicht“ wird ein allgemeines Naturgesetz: niemand versteht das. Aus einer persönlichen Überfoderung wird eine objektive Unmöglichkeit. Und aus meiner Geschwindigkeit wird ein Fehler – nicht ihrer Langsamkeit, sondern meiner Zumutung.
Ich will fair sein. Manchmal stimmt das sogar. Manchmal bin ich tatsächlich zu schnell. Manchmal denke ich drei Schritte voraus und erkläre Schritt vier, während mein Gegenüber noch auf Schritt eins oder zwei steht und freundlich nickt. Das ist meine Verantwortung. Das gebe ich zu.
Aber.
Es gibt einen Unterschied zwischen nicht folgen können und nicht folgen wollen. Zwischen einer echten Überforderung und einer bequemen Schutzbehauptung. Und diesen Unterschied aufzulösen, ihn wegzulächeln mit dem Verweis auf „DerJürgen ist halt zu schnell…“ – das finde ich, offen gesagt, unehrlich.
Die Griechen hatten dafür zwei Wörter.
Chronos ist die messbare Zeit. Die Uhr. Der Takt. Das Metronom. Chronos fragt: Wie viele Minuten?
Kairos ist der richtige Moment. Der günstige Augenblick. Die Situation, in der etwas möglich ist – und gleich danach nicht mehr. Kairos fragt: Jetzt?
Hartmut Rosa, Soziologieprofessor und Beschleunigungstheoretiker, würde vielleicht sagen: Wir leben in einer Welt, die vollständig von Chronos beherrscht wird – und dabei vergessen hat, dass Kairos das Einzige ist, das wirklich zählt. Wir messen Produktivität in Stunden, Erfolg in Quartalsergebnissen, Fortschritt in Wachstumsprozenten. Und gleichzeitig verlieren wir das Gefühl dafür, wann etwas dran ist.
Das Gegenteil von richtigem Tempo ist nicht Langsamkeit. Es ist Starre.
Tradition ist kein Tempolimit.
Ich schätze Menschen, die Erfahrung mitbringen. Wirklich. Jemand, der sein Arbeitsleben hinter sich hat und zig Jahre in einem Verein dabei ist, trägt Wissen in sich, das in keinem Protokoll steht. Das ist wertvoll. Das sollte gehört werden.
Aber Erfahrung ist keine Begründung dafür, dass es so bleiben muss, wie es war. Wir haben das immer so gemacht ist kein Argument – es ist eine Beschreibung. Und die Idealisierung einer Vergangenheit, die in der Erinnerung immer etwas heller leuchtet als in der Realität, ist eine Falle, in die auch kluge Menschen aus reiner Bequemlichkeit tappen.
Die Welt dreht sich. Nicht immer in die richtige Richtung, nicht immer im richtigen Tempo – aber sie dreht sich. Permanent. Wer das ignoriert, wird nicht gemütlich, er wird unsichtbar.
Also: Was ist das richtige Tempo?
Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht genau. Und ich halte jeden, der behauptet, es zu wissen, für jemanden, den ich genauer beobachten oder mich schnell aus dem Staub machen sollte.
Was ich weiß: Es ist nicht das Tempo der Langsamsten. Und es ist auch nicht mein Tempo an meinen schnellsten Tagen. Es ist vermutlich – und hier wird’s fast schon zen-artig – das Tempo, bei dem noch etwas passiert. Bei dem Menschen nicht nur nicken, sondern denken. Bei dem man nicht alle mitnimmt, aber die, die mitgenommen werden wollen.
Denn die Interessierten, die Neugierigen haben schon immer einen Weg gefunden, nicht abgehängt zu werden.
Der Rest ist dann von mir aus meine Verantwortung. Nicht als Entschuldigung für Tempolosigkeit. Sondern als Einladung: Kommt mit. Es lohnt sich.
Wir können über alles sprechen und ich verspreche, zwischendurch auch mal kurz zu warten.
Aber nur kurz.
