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„Sag mal, Jürgen, du kennst auch jeden…”

Der Satz fällt heute Mittag. Wir stehen vorm Spiel am Bölle, also im Böllenfalltor-Stadion, und der Typ neben mir guckt mich an, als hätte er gerade etwas entdeckt, das er nicht ganz einordnen kann. Ich kenn‘ ihn auch. Zum Glück. Und sogar sehr gut. Dabei bin ich hier unter fast 18.780 Menschen. Und natürlich kenne ich nicht 18.779 Menschen. Aber es stimmt auch nicht, dass ich niemanden kenne. Ein paar Leute schon. Und während ich so da rumstehe und mich frage, warum das eigentlich so ist, fange ich an nachzurechnen. Es liegt wahrscheinlich zuerst daran, dass ich – mit paar Jahren fliegender Wechsel Darmstadt – Frankfurt – heute noch in der Stadt wohne, in der ich geboren wurde. Das klingt nach nichts Besonderem — ist es aber, wenn man mal schaut, wie wenige das noch machen. Ich war vielleicht zwei Tage im Kindergarten, das ist alles etwas verschwommen. Aber die Grundschule, die Kirche, die frühen Jahre in irgendeiner Form von organisierter Freizeit — die haben Spuren hinterlassen, auch wenn ich mich an die meisten Menschen …

Tempo – oder die Kunst, die richtige Geschwindigkeit zu finden

Es gibt Sätze, die ich nicht mehr hören kann. Nicht weil sie falsch wären. Nicht weil ich sie nicht verstehe. Sondern weil sie so oft als Deckel benutzt werden, um Töpfe zuzuhalten, unter denen gar nichts kocht. „Wir müssen die Leute dort abholen, wo sie sind.“ „Wir dürfen niemanden verlieren.“ Ich kenne diese Sätze. Ich habe diese Sätze selbst gesagt. Und irgendwann habe ich aufgehört, sie zu sagen – weil mir aufgefallen ist, dass sie in erschreckend vielen Gesprächen nicht als Einladung zur Empathie gemeint waren, sondern als Einladung zum Stillstand. Als elegante Begründung dafür, dass man eben nichts tun muss. Nichts verändern. Nichts wagen. Weil: die anderen kommen ja noch nicht mal mit. Dabei ist die Frage, die dahintersteckt, eigentlich eine der interessantesten überhaupt: Welche Geschwindigkeit ist die richtige? Ich spreche schnell. Das ist bekannt. Ich denke beim Sprechen. Oder: Ich spreche, während ich denke. Das ist nicht dasselbe, klingt aber oft so. Wer mir beim Reden zuschaut, sieht manchmal einen Menschen, der seinen eigenen Gedanken um eine halbe Sekunde hinterherläuft – und trotzdem, …