Inflation, Kaufkraftverlust und was das für Arbeitnehmer wirklich bedeutet
Ich habe nie verstanden, was Menschen dazu treibt, in großen Konzernen zu arbeiten. Das Bild vom kleinen Rädchen in der großen Maschine war für mich immer ein anderes Wort für Hamsterrad – und für den stillen Verlust von dem, was Arbeit eigentlich sein könnte.
Bis Gespräche mit Freunden klargemacht haben, was dahintersteckt. Nicht Begeisterung für die Maschine. Sondern Angst vor dem, was passiert, wenn man nicht drin ist. Der Konzern als Versprechen: Sicherheit, Planbarkeit, der Geschäftswagen, die Hausfinanzierung – alles in trockenen Tüchern. Die Zukunft weniger offen, die eigene Familie weniger exponiert.
Ich habe das lange nicht nachvollziehen können. Bis ich aufgehört habe, es als Schwäche zu lesen – und es als das erkannt habe, was es ist: eine rationale Antwort auf eine unsichere Welt.
Nur dass diese Antwort nicht mehr stimmt.
Spätestens als deutsche Vorzeige-Automobilkonzerne Werke schlossen, windige Auffanggesellschaften gründeten und Mitarbeitende mit dem beschönigenden Begriff „sozialverträglich” vor die Tür setzten, war die Illusion weg. Die gefühlte Sicherheit des Konzerns hatte einen Riss bekommen – und viele haben das schmerzhaft am eigenen Leib erfahren.
Was ich dabei immer bewundert habe: die Diplomatie und Raffinesse der Gewerkschaften. Tarifverträge, die Gehaltserhöhungen sichern, ohne dass jeder Einzelne sich darum kümmern, geschweige denn kämpfen muss. Ein kollektiver Mechanismus, der zumindest einen Teil des schleichenden Kaufkraftverlusts durch Inflation auffängt. Unbefriedigend, träge, oft zu wenig – aber immerhin: da.
Als Unternehmer habe ich das jahrzehntelang aus der Distanz beobachtet. Und das Thema dabei weitgehend ignoriert. Was mich im Nachhinein erstaunt, denn ausgerechnet der Mittelstand – der größte Arbeitgeber in Deutschland, Zehntausende von Betrieben – hat keine Tarifverträge. Keine kollektiven Vereinbarungen über Gehaltsanpassungen, keine verlässlichen Strukturen. Und gleichzeitig fehlt vielen kleinen Betrieben der Mut zur Preiserhöhung, weil man keine Unruhe in gewachsene Geschäftsbeziehungen bringen will.
Ich kenne diesen Impuls. Ich habe ihn selbst jahrelang gehabt.
Irgendwann ist mir aufgefallen, was er kostet. Kunden, die man über zehn oder fünfzehn Jahre begleitet, haben viele Vorteile. Aber mindestens einen Nachteil: Sie werden über zehn oder fünfzehn Jahre mit denselben Honorarsätzen abgerechnet. Die Arbeit wird nicht schlechter. Sie wird günstiger. Real, messbar, still.
Das kann eigentlich nicht richtig sein.
Als der Begriff Inflationsausgleich durch die Medien geisterte – als die Politik versuchte, öffentlichkeitswirksam etwas gutzumachen, was zeigte, dass der hochgelobte, angeblich alternativlose Kapitalismus nicht mehr so rund läuft wie jahrzehntelang behauptet – habe ich das zum Anlass genommen, meinen Gedanken etwas Auslauf zu gönnen.
Ständig passiert was, auch wenn man nicht darauf achtet
Es gibt Dinge, die passieren so langsam, dass man sie erst bemerkt, wenn sie schon lange passiert sind. Inflation gehört dazu.
Kein Knall. Kein Einbruch. Nur ein leises, stetiges Ausbleichen. Wie wenn ein Foto in der Sonne liegt – irgendwann schaust du hin und fragst dich, ob es je so bunt war, wie du zu dich erinnern glaubst.
Ich habe vierzig Jahre Agentur hinter mir. Und ich meine das wörtlich: hinter mir, als Erfahrung, als Schule, als Zumutung und als Lehrmeister.
Wer in dieser Branche groß geworden ist, kennt die Kultur. Überstunden waren keine Ausnahme, sie waren Erwartungshaltung. Bezahlte Mehrarbeit? Fehlanzeige. Tarifvertrag? Welcher Tarifvertrag? Die Kreativbranche hat sich lange selbst erzählt, sie sei irgendwie anders – bunter, freier, berufener. Was dabei herauskam, war eine Arbeitskultur, in der Enthusiasmus als Währung galt und Geld als kleinlich.
Ich habe das erlebt, mitgemacht und irgendwann beschlossen, es anders zu machen. Nicht aus Idealismus im Sinne von Naivität – sondern weil ich, als ich selbst Unternehmer wurde, die Gelegenheit hatte, meine eigenen Werte zu realisieren. Ohne Tarifvertrag, der mir vorschreibt was. Ohne Betriebsrat, der verhandelt. Einfach: weil ich es so richtig finde.
Die Regelarbeitszeit auf 35 Stunden gesenkt, die Löhne erhöht, Überstunden konsequent als Freizeitausgleich verrechnet oder ausbezahlt. Kein großes Aufheben darum. Einfach gemacht.
Das alles hat nichts mit Inflation zu tun – und gleichzeitig alles.
Denn was mich damals angetrieben hat, treibt mich heute noch an: die stille Ungerechtigkeit zu benennen, die entsteht, wenn strukturelle Probleme auf dem Rücken derer ausgetragen werden, die am wenigsten Macht haben, sich zu wehren.
Inflation ist ein strukturelles Problem
Lass mich kurz übersetzen, was dieser Prozentsatz im Alltag bedeutet – vor allem für Arbeitnehmer mit Festgehalt.
Wenn die Inflationsrate drei Prozent beträgt und dein Gehalt gleichbleibt, bist du am Ende des Jahres ärmer geworden. Nicht dramatisch. Nicht spürbar auf den ersten Blick. Aber real. Der Kaufkraftverlust von drei Prozent pro Jahr klingt nach wenig – nach zehn Jahren sind es fast dreißig Prozent. Und das ist fast ein Drittel! Stille Enteignung, manche nennen es so. Andere sagen: Marktwirtschaft. Stimmt beides.
Noch merkwürdiger wird es beim Ersparten. Geld, das auf dem Konto liegt, gibt sich keine Mühe. Es liegt da, schaut die Decke an und wird täglich ein kleines bisschen weniger wert. Nicht nominal – die Zahl auf dem Kontoauszug bleibt dieselbe. Aber real, in Kaufkraft gemessen, schrumpft es. Lautlos, kontinuierlich, geduldig.
Und wer trägt das?
Wer die Macht hat, seine Einnahmen anzupassen – Preise zu erhöhen, Honorare durchzusetzen, Sachwerte zu besitzen – kommt halbwegs unbeschadet durch. Niemand wundert sich beispielsweise, wenn die Miete regelmäßig erhöht wird oder der Sprit immer teuerer wird. Wer diese Macht nicht hat, trägt die Last. Arbeitnehmer mit Festgehalt. Rentner. Sparer ohne Sachvermögen, Mieter. Menschenwürde du und ich.
Kaufkraftverlust trifft zuerst die Arbeitnehmer
Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Mechanik. Letztes Jahr habe ich in meiner Agentur eine pauschale Gehaltserhöhung festgelegt – knapp oberhalb der Inflationsrate, für alle. Nicht weil das jemand gefordert hat. Nicht weil ein Tarifvertrag es verlangt. Sondern weil ein Gehalt, das nicht mit der Inflation mitgeht, real eine Kürzung ist. Und Gehaltskürzungen durch Unterlassen sind mir genauso unsympathisch wie Gehaltskürzungen durch Ansage. Was also tun gegen Kaufkraftverlust der Arbeitnehmer?
Das hat Konsequenzen. Auch finanzielle. Mehrkosten, die irgendwo herkommen müssen.
Wie ich damit umgehe – das ist eine andere Geschichte. Die erzähle ich ein anderes Mal.
Was ich heute sagen wollte: Inflation und Kaufkraftverlust sind kein abstraktes Problem für Volkswirte. Sie sind ein Verteilungsproblem. Und wie jedes Verteilungsproblem lässt es sich ignorieren – oder man entscheidet sich, wie man dazu steht.
