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Hoffnung ist kein Gefühl – Hoffnung ist eine Entscheidung

Hoffnung ist eine Entscheidung

Geburtstage haben die — manchmal unangenehme — unangenehme Eigenschaft, ehrlich zu sein. Nicht nur wegen der Anzahl Kerzen auf dem Kuchen — die zähle ich schon lange nicht mehr — sondern wegen der Dinge, die Menschen sagen, wenn sie das Gefühl haben, jetzt darf es einfach mal raus.

An meinem Geburtstag und den Tagen danach haben mir mehrere Menschen unabhängig voneinander so etwas Ähnliches gesagt wie: dass sie schätzen, wie ich durchs Leben gehe. Dass es Freude macht, mir dabei zuzuschauen. Dass ich so etwas wie Hoffnung ausstrahle und den Willen, Dinge tatsächlich zu anzugehen und zu verändern.

Ich hab das erst mal sacken lassen.

Nicht weil es mir unangenehm war — im Gegenteil. Sondern weil ich verstehen wollte, was die Leute eigentlich meinen. Und ob ich selbst weiß, was ich da ausstrahle. Und paar Videos von der re:publica und einige Podcasts später lichtet sich der Nebel…

Ein Kompliment, das keins war

Früher habe ich auf solche Worte geantwortet: Ja, ich bin halt ein unverbesserlicher Optimist. Und ich hätte das als Kompliment verstanden. Als Bekenntnis zu einer Lebenshaltung, die ich für mich gut und erstrebenswert hielt. Aber ich war damals noch nicht so reflektiert. Ich habe viel weniger differenziert.

Optimismus ist keine Haltung, die ich anstrebe. Im Gegenteil.

Optimismus ist eine Prognose: Es wird schon gut gehen. Optimismus braucht gute Nachrichten, günstige Ausgangsbedingungen, ein gewisses Maß an Bereitschaft, Gegenbeweise großzügig zu ignorieren. Er ist — und das meine ich nicht böse — bisschen wackelig, vielleicht sogar fragil. Wenn die Dinge nicht gut ausgehen, kippt der Optimismus schnell in seinen hässlichen Zwilling: den Zynismus. Das eine ist die Vor-, das andere die Nachseite derselben Medaille.

Ich bin kein Optimist. Nicht weil ich die Welt für schlecht halte, sondern weil ich sie für komplex halte. Und weil ich nach 60 Lenzen und vierzig Jahren Berufsleben in den schönsten und härtesten Lebenslagen von Menschen gelernt habe: Prognosen sind oft das Papier nicht wert, auf dem man sie nicht aufgeschrieben hat.

Was ich bin: Team Hoffnung. Und das ist ein Unterschied, den ich heute hier beschreibe.

Was Hoffnung wirklich ist

Václav Havel — du Erinnerst dich? Tschechischer Schriftsteller, Dissident, später Staatspräsident, jemand der wusste, was es kostet, an etwas festzuhalten — hat Hoffnung einmal so beschrieben: sie sei nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sie sei die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

Das trifft es.

Hoffnung ist keine Erwartungshaltung. Sie ist eine Entscheidung darüber, wie man zur Zukunft steht — nämlich als zu etwas Offenem, in das man eingreifen kann. Hoffnung sagt nicht: Es wird gut. Hoffnung sagt: Es lohnt sich, weiterzumachen, es anzupacken.

Ernst Bloch, der große deutsche Philosoph des Hoffens, hat sein Leben damit verbracht, diesen Gedanken auszuarbeiten. Für ihn war Hoffnung kein passives Warten auf bessere Zeiten, sondern ein aktives Etwas — ein Vorwärtsdrängen in eine noch nicht fertige Welt. Hoffnung als Motor. Als Haltung. Und als das Gegenteil von Resignation, aber eben auch als das Gegenteil von naivem Wunschdenken.

Und dann ist da noch Hannah Arendt (die ich auch erst durch Gespräche mit meiner Tochter in ihrem Studium kennenlernte) mit einem Begriff, der mich nicht mehr loslässt: dem Anfangen. Für Arendt ist die Fähigkeit, etwas Neues zu beginnen, das Eigenste des Menschen. Jeder Mensch ist, indem er geboren wird, ein Anfang — und behält diese Fähigkeit sein ganzes Leben. Nicht die großen historischen Umwälzungen interessierten sie dabei zuerst, sondern der einzelne Mensch, der in einem bestimmten Moment entscheidet: Hier fange ich etwas an.

Vom Hoffen zum Handeln

Und ich meine das persönlich. Es wäre bequem, das alles jetzt auf meine Arbeit zu beziehen. Auf Projekte, Marketingstrategien, Kommunikationskonzepte, Texte, all das. Das wäre nicht falsch — aber es wäre eben nur die halbe Wahrheit.

Die vollständigere Geschichte sieht nämlich so aus: Ich habe eine sehr lange, sehr schmerzhafte Trennung hinter mir. Das Ende meiner Ehe. Wer so was kennt, weiß: Es gibt in diesem Trauerprozess nach dem „Nicht-wahr-haben-wollen“ zwei Versuchungen: Die eine ist der Optimismus — man sitzt zu Hause und wartet darauf, dass das der Liebe Gott schon richtet oder das Universum irgendetwas liefert. Neue Beziehung, alte Beziehung, neues Glück, irgendwie wird es schon werden. Die andere Versuchung ist die Resignation — man entscheidet stillschweigend, dass das Beste schon vorbei ist und was kommt, kommt halt.

Ich hab beides versucht. Hat beides nicht funktioniert.

Was aber funktioniert hat: Hoffnung — im Sinne von Bloch und Havel. Nicht die Hoffnung, dass mir jemand oder etwas da draußen ein neues Leben bringt. Sondern die langsam erarbeitete Gewissheit, dass mein Leben auch ohne diese Ehe einen Sinn hat. Dass ich anfangen kann. Dass das Anfangen nicht Verrat an der Vergangenheit ist, sondern das Ehrlichste, was ich für mich selbst tun kann.

Und dann kam das Handeln. Ich hab mein Leben in die Hand genommen — im Kleinen wie im Größeren. Schritt für Schritt. Ohne Garantie, ohne Prognose. Nur mit dieser einen Grundüberzeugung: Es lohnt sich.

Heute kann ich sagen: Alles gut. Mein Leben macht Sinn. Ich muss der Vergangenheit nicht hinterherweinen — auch wenn ich als Romantiker natürlich Erinnerungen liebe und ihnen ihren Platz in meinem Leben lasse. Aber Erinnerungen sind kein Programm. Sie sind Begleitung. Das ist ein Unterschied.

Was die Leute so sehen

Wenn mir Menschen also sagen, ich strahle Hoffnung aus — dann glaube ich, meinen sie genau das. Nicht, dass ich durch die Welt gehe und überall das Beste erwarte. Sondern, dass ich durch die Welt gehe und überall bereit bin, anzufangen.

Ein kleines Projekt hier, ein Gespräch da, etwas das verändert, Entwicklung eben. Ein Leben, das man selbst in die Hand nimmt. Oder einfach: eine Haltung, die sagt — nein, Resignation oder einfach nur zuschauen und abwarten ist keine Option. Nix, was für mich in Frage kommt.

Das hat nichts mit Lebensoptimismus als Wellness-Programm oder gar Selbstoptimierung zu tun. Und auch nichts mit der Überzeugung, dass alles schon irgendwie gut wird. Es hat damit zu tun, dass ich die Fähigkeit zum Anfangen für das Wertvollste halte, was Menschen haben, was auch ich habe.

Und dass ich — nach allem, was ich gesehen und erlebt habe — immer noch überzeugt bin, dass es sich lohnt, sie zu nutzen.

Auch mit 63. Oder vielleicht gerade dann.

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