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Jahrgang 63 wird 63 — und macht sich keine Sorgen dabei

Heute ist es soweit. Ich, Jürgen, Jahrgang 63, werde 63 Jahre alt. Addiert man beides, kommt man auf 126. Das ist ein Witz, den man nicht verstehen muss, weil es eigentlich auch gar nicht witzig ist. Aber er ist meiner, schwirrt mir schon länger durch den Kopf und ich nehm‘ ihn einfach mit.

Zu meinem 60. Geburtstag sagte jemand zu mir, offensichtlich zur Beruhigung gemeint: „60 ist das neue 50.“ Als ob ich beruhigt werden müsste. Als ob das Ziel wäre, möglichst nie 60 zu sein, obwohl ich es gerade geworden bin. Ich fand das damals schon merkwürdig — nicht beleidigend, nur merkwürdig. Was genau sollte mich daran beruhigen? Dass ich ein Jahrzehnt zurückdatiert werde, bevor ich den Kuchen gegessen habe?

Alter! Subjektives, biologisches, chronologisches, soziales…*

Tatsächlich ist da was dran, nur anders als gemeint. Psychologen nennen es das „subjektive Alter“ — also nicht, wie alt du bist, sondern wie alt du dich fühlst. Und die Forschung zeigt: Die meisten Menschen über 40 fühlen sich jünger als sie sind, und die Lücke wird von Generation zu Generation größer. Wer 1996 sechzig war, fühlte sich im Schnitt wie 52. Wer 2020 sechzig war, fühlte sich wie 49. (Quelle: Wettstein et al., 2023, Psychological Science)

Was mich heute 63-jährig dabei beschäftigt: Das ist kein Selbstbetrug. Das ist eher ein Gespür dafür, dass das Leben noch nicht fertig ist.

Vor ein paar Jahren habe ich mich erstmals in meinem Leben auf Partnerbörsen umgeschaut. Kurzes Experiment, bleibendes Bild. Dein was mich dort schockiert hat, war nicht die Einsamkeit anderer, sondern die Sprache, mit der Menschen meines Alters sich selbst beschrieben. Ruhestand als Horizont. Arbeit als etwas, das man/frau noch hinter sich bringen muss. Und besonders die Frauen: Viele schienen sich zu entschuldigen dafür, dass sie mit 60+ noch da waren, noch Ansprüche hatten, noch interessant sein wollten. „63, noch aktiv“ — als wäre das eine überraschende Ausnahme und nicht einfach: ein Leben.

Das ist kein individuelles Problem. Das ist Kultur. Eine, die Altern mit Defizit gleichsetzt und Jugend mit Wert. Die Antifaltencreme bewirbt, als müsste man Falten bekämpfen statt sie als das zu sehen, was sie sind: angesammelte Kilometer.

Ich muss da nicht groß gegensteuern. Ich muss nur ich bleiben.

Vor zwei Jahren habe ich angefangen, an meiner Agenda 2030 zu arbeiten. Das klingt größer als es ist — es ist im Grunde eine ehrliche weil selbstreflektierte Bestandsaufnahme: Welche Rollen spiele ich gerade im Leben? Welche möchte ich verändern, welche übergeben, welche ablegen? Es geht nicht ums Loslassen im sentimentalen Sinne, sondern ums bewusste Gestalten. Was will der Jürgen mit Jahrgang 63 eigentlich noch machen, mit 65, mit 70 und danach?

Viel. Die Antwort ist: viel.

Es gibt diese Forschung, die vom „Wohlbefindensparadox“ spricht: Ältere Menschen sind — entgegen aller Erwartung — oft genauso zufrieden oder sogar zufriedener als jüngere. Sie haben mehr Erfahrung im Umgang mit dem, was das Leben so hinwirft. Das klingt nach Trost, und vielleicht ist es das auch. Ich nehme es eher als Bestätigung von etwas, das ich schon wusste: Mit zunehmendem Alter wird vieles ruhiger, ohne langweiliger zu werden.

Was ich mit 63 habe, was ich mit 33 nicht hatte: Das Bemühen nach Gelassenheit gelingt besser. Gelassenheit ohne Gleichgültigkeit. Den Unterschied finde ich ganz wesentlich.

Also: 63. Jahrgang und Lebensalter in seltener Übereinstimmung. Das Foto von heute Abend mit den Menschen, die mir wichtig sind und die mit mir feiern, ist wahrscheinlich der beste Beweis dafür, dass es mir gut geht. (Einige Personen fehlen auf der Party und auf dem Bild, aber sie sind entschuldigt.)

Prost.

PS
Was heißt eigentlich „Alter“?

Mehr als du glaubst. Die Wissenschaft unterscheidet da nämlich munter zwischen vier Varianten:

  • Das chronologische Alter ist das, was in deinem Ausweis steht. Unbestechlich, demokratisch, vollkommen unbeeindruckt von deinem Befinden.
  • Das biologische Alter beschreibt, was tatsächlich in deinem Körper passiert — auf Zell- und Gewebeebene. Kann günstiger ausfallen als Variante eins. Oder ungünstiger. Kommt drauf an.
  • Das psychologische Alter — auch subjektives oder gefühltes Alter genannt — ist das, womit wir uns im Alltag meistens identifizieren. Wie alt fühle ich mich eigentlich? Genau das.
  • Und dann gibt’s noch das soziale Alter: definiert nicht durch Biologie oder Kalender, sondern durch die Rolle, die du in der Gesellschaft einnimmst. Großvater. Rentnerin. Oder eben: (noch) nicht.

Vier Versionen von mir. Welcher ich am meisten vertraue, ist hoffentlich klar.


Wer mehr über das subjektive Alter und die Forschung dazu lesen möchte: Laura Patz hat dazu heute, ausgerechnet an meinem Geburtstag, einen lesenswerten Artikel bei Perspective Daily veröffentlicht: perspective-daily.de/article/4579

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