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„Sag mal, Jürgen, du kennst auch jeden…”

Der Satz fällt heute Mittag. Wir stehen vorm Spiel am Bölle, also im Böllenfalltor-Stadion, und der Typ neben mir guckt mich an, als hätte er gerade etwas entdeckt, das er nicht ganz einordnen kann. Ich kenn‘ ihn auch. Zum Glück. Und sogar sehr gut.

Dabei bin ich hier unter fast 18.780 Menschen. Und natürlich kenne ich nicht 18.779 Menschen. Aber es stimmt auch nicht, dass ich niemanden kenne. Ein paar Leute schon. Und während ich so da rumstehe und mich frage, warum das eigentlich so ist, fange ich an nachzurechnen.


Es liegt wahrscheinlich zuerst daran, dass ich – mit paar Jahren fliegender Wechsel Darmstadt – Frankfurt – heute noch in der Stadt wohne, in der ich geboren wurde. Das klingt nach nichts Besonderem — ist es aber, wenn man mal schaut, wie wenige das noch machen. Ich war vielleicht zwei Tage im Kindergarten, das ist alles etwas verschwommen. Aber die Grundschule, die Kirche, die frühen Jahre in irgendeiner Form von organisierter Freizeit — die haben Spuren hinterlassen, auch wenn ich mich an die meisten Menschen aus dieser Zeit kaum noch erinnere.

Dann kam das Gymnasium. Neun Jahre. Und gleichzeitig Volleyball — in der Schule und im Verein. Wer jemals in einem Sportverein aktiv war, weiß: da entstehen Netzwerke, ob man will oder nicht. Und weil es beim Volleyball nicht blieb, sondern Jugendarbeit dazukam — im Verein, auf Landes- und Bundesebene — kamen zu den lokalen Gesichtern plötzlich auch Gesichter aus ganz anderen Ecken dazu.

Nach dem Abitur: Ausbildung, auch in Darmstadt. Dann, fast ohne Pause, die Selbstständigkeit. Und da, in der Agentur, passierte etwas Entscheidendes: Menschen merken wurde zur Berufspflicht. Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten — und all die, die es vielleicht mal werden sollen oder könnten. Wer eine Agentur führt, netzwerkt nicht als Hobby. Der netzwerkt, weil er muss. Und wenn man das lange genug macht, wird irgendwann aus Pflicht Gewohnheit, und aus Gewohnheit Charakter.

Meine Schwestern haben übrigens auch zum Netzwerk beigetragen — direkt und indirekt, über ihre Kinder, ihre Kreise, selbe Schule, selber Sport. Man kennt plötzlich Leute, die man nicht selbst gesucht hat, die aber trotzdem irgendwie dazugehören.

Was dann richtig Schwung gebracht hat, war unsere Tochter. Kita, Grundschule, Gymnasium, Verein, Sport, Kultur, Chor — das sind jede Menge neue Sozialgeflechte, in die man als Elternteil automatisch hineingezogen wird. Man lernt Eltern kennen, die man sonst nie getroffen hätte. Und man merkt sich ihre Namen, weil man sie auf dem Elternabend wiedersieht.

Dazu kommt die Wohngeschichte. Ich habe lange in einer alten Backsteinhalle, die in einer Art vermeintliche Kommune war — die Wackerfabrik. Ein Pool von Menschen, die dort wohnten, arbeiteten, kamen und gingen. Und über kulturelles Engagement — Veranstaltungen, Projekte, die ganze Infrastruktur des lokalen Kulturlebens — lernte man Menschen kennen, die einem andere Menschen vorstellten. Das klassische Prinzip: die kannten dich, weil andere dich kannten.

Und dann: Social Media. Als Agentur-Chef musste ich wissen, wie das funktioniert. Nicht theoretisch — praktisch. Mit dem mir eigenen Alles-oder-Nix-Prinzip bin ich da nicht zaghaft eingestiegen, sondern kopfüber. Und plötzlich wurden aus flüchtigen Bekanntschaften digitale Verbindungen, die im echten Leben zum Gruß führten. Menschen, die ich von früher kannte, tauchten wieder auf. Menschen, die ich kennenlernen wollte, wurden erreichbar.

So wächst ein Netzwerk. Nicht durch einen Plan. Sondern durch das Leben.


Wobei: Das ist erst mal nur eine Feststellung. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Ich will das gar nicht bewerten.

Aber wenn ich mir anschaue, wie heute viele junge Menschen nach dem Abitur ihre Heimatstadt verlassen — und viele kommen nicht zurück. Wenn ich sehe, dass immer weniger Menschen Sport im Verein betreiben, Ehrenamt machen, Jugendarbeit als sinnvoll empfinden. Wenn Karriere und Arbeitgeber bestimmen, wo man lebt — dann ist meine Art, in einer Stadt verwurzelt zu sein, in der ich geboren wurde und die früher 125.000 und heute 180.000 Einwohner hat, vielleicht ein Auslaufmodell.

Ich bin wohl ein sozialer Dinosaurier. Eine aussterbende Spezies — lokal verankert, selbstständig, netzwerkgläubig. Aber ohne Klage. Eher mit einem trockenen Grinsen.


Und jetzt kommt die eigentlich interessante Frage. Die, die mich seit dem Weg nach Hause nicht loslässt.

Wenn ich auf meine Werte schaue — und Beziehungen stehen da ganz weit oben — dann: Was war zuerst da? Habe ich viele Beziehungen, weil mir Beziehungen wichtig sind? Oder sind mir Beziehungen wichtig, weil ich so viele habe?

Keine Ahnung. Wirklich nicht.

Und ich glaube, das ist auch gut so.

Denn — und das ist das Zweite, das mich beschäftigt — „kennen” ist kein binärer Zustand. Der Begriff ist riesig. Zwischen „ich kann das Gesicht einem Ort zuordnen” und „diese Person liegt mir am Herzen” liegt eine unendliche Skala an Graustufen. Beziehungen müssen nicht kostbar sein, um zu existieren. Sie müssen nicht tief sein, um zu zählen. Das Spektrum ist kein Defizit — es ist das Wesen von Beziehungen. Wenn alle gleich wären, wenn jede Verbindung dasselbe Gewicht hätte, wäre das nicht schön. Das wäre fürchterlich.

Die Vielfalt der Graustufen ist der Wert!


So. Genug Beziehungsphilosophie für heute.

Die nächste wartet nämlich schon. Die mit meiner Matratze. Wecker um fünf, Hund um sechs, Auto um sieben — und dann ab nach München auf die Internationale Handwerksmesse. Auf Montage, sozusagen.

Denn: Da kenne ich ja auch ein paar Leute.