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Werte vs. Handeln: Vom Sonnenaufgang zur Selbstverpflichtung – oder: Warum wir oft gegen unser besseres Wissen leben

Heute Morgen stand ich auf meinem Balkon. Die Sonne kam gerade über den Horizont gekrochen, noch ein bisschen verschlafen, wie ich selbst. Und dann kam er wieder, dieser Gedanke, der mich immer wieder überfällt wie ein ungebetener, aber hartnäckiger Gast: Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hatten so viele Menschen Zugang zu so viel Wissen. Und trotzdem – oder gerade deswegen? – klafft eine riesige Lücke zwischen unseren Werten und unserem Handeln.

Das Paradoxe daran ist: Ich schließe mich da ausdrücklich mit ein. Ich, der ich hier stehe, in der Morgensonne, und über die Welt reflektiere. Ich, der ich vermutlich später heute wieder eine Entscheidung treffen werde, bei der ich genau weiß, dass es bessere Alternativen gäbe. Der Leberkäse mit Bratkartoffeln in der Mittagspause statt des selbstgekochten Gemüses. Das Auto statt des Fahrrads. Die schnelle Lösung statt der nachhaltigen.

Werte vs. Handeln: Der Riss zwischen Wissen und Tun

Was ich mich frage – und das nicht zum ersten Mal, aber heute besonders intensiv –, ist nicht: „Warum handeln die anderen nicht?“ Sondern: „Warum handle ich selbst so oft gegen mein besseres Wissen?“ Diese Diskrepanz zwischen Werten und Handeln beschäftigt mich zutiefst. Und dann noch einen Schritt weiter: „Was kann ich, was können wir alle, jeden einzelnen Tag tun, damit Werte und Handeln besser zusammenpassen?“

Keine großen Fragen, oder? Und ich habe auch keine großen Antworten parat. Ich bin kein Weltverbesserer mit Masterplan, kein Guru mit der ultimativen Lösung. Ich bin jemand, der morgens aufsteht und versucht, seinen Tag so zu gestalten, dass Werte und Handeln halbwegs im Einklang stehen. Manchmal gelingt das ganz gut. Aber nicht immer.

Kognitive Dissonanz: Wenn Werte und Handeln auseinanderklaffen

Die Psychologie nennt das, was ich erlebe, „kognitive Dissonanz“ – dieser unangenehme Zustand, wenn unsere Werte und unser Handeln nicht übereinstimmen. Und ehrlich gesagt: Ich kenne diesen Widerspruch zwischen Werten und Handeln besser, als mir lieb ist. Da liegt mir soziale Gerechtigkeit am Herzen, aber noch immer sind ein paar Klamotten in meinem Kleiderschrank, die vermutlich unter fragwürdigen Bedingungen produziert wurden. Da möchte ich die Umwelt schützen, aber manchmal ist die Bequemlichkeit einfach größer als die Konsequenz. Fahrradfahren um den Gefrierpunkt ist schon arg hart. Oder?

Dieser Konflikt zwischen dem, was wir für richtig halten, und dem, was wir tatsächlich tun, prägt unseren Alltag mehr, als wir uns eingestehen möchten.

Die Kunst der Rechtfertigung: Warum Werte und Handeln so oft nicht zusammenpassen

Was machen wir, wenn wir die Kluft zwischen unseren Werten und unserem Handeln spüren? Wir werden kreativ. Meisterhaft kreativ sogar. Wir leugnen Informationen, werten Alternativen ab, vergleichen uns mit anderen („die anderen machen es ja auch nicht besser“) und relativieren unsere eigene Verantwortung („was macht mein bisschen Handeln schon für einen Unterschied?“).

Ich ertappe mich dabei regelmäßig. Diese innere Rechtfertigungsmaschinerie läuft bei mir auf Hochtouren, sobald ich mich zwischen dem, was ich für richtig halte, und dem, was gerade einfacher ist, entscheiden muss. Der Kampf zwischen Werten und Handeln findet jeden Tag statt – oft gewinnt die Bequemlichkeit.

Aber – und das ist vielleicht das Interessante daran – dieses schlechte Gewissen, dieser fahle Rest an Unbehagen, wird zunehmend schwerer zu ignorieren. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen. Vielleicht bedeutet es, dass die Dissonanz zwischen unseren Werten und unserem Handeln größer wird, lauter, drängender. Dass wir uns nicht mehr so leicht mit faulen Kompromissen zufriedengeben.

Die goldene Regel: Eine Brücke zwischen Werten und Handeln

Schon Otto Walkes sagte einst: „Was du nicht willst, das man dir will, das will auch nicht, was willst’n du.“ Dasis ist die uralte Regel, die in praktisch allen Kulturen und Religionen vorkommt: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“ Die goldene Regel. Klingt simpel, fast banal. Aber wenn ich ehrlich bin: Wie oft richte ich mein Handeln wirklich nach diesen Werten aus?

Wenn ich diese Regel ernst nehme – wirklich ernst –, dann bedeutet das mehr als nur nett zu meinen Mitmenschen zu sein. Dann bedeutet es auch: Ich will nicht ausgebeutet werden, also sollte ich nicht zu Ausbeutung beitragen. Ich will nicht, dass mein Lebensraum zerstört wird, also sollte ich sorgsam mit unserer Umwelt umgehen. Ich will nicht, dass künftige Generationen in einer katastrophengebeutelten Welt leben müssen, also sollte ich heute Verantwortung übernehmen.

Die goldene Regel könnte eine praktische Orientierung sein, um die Lücke zwischen Werten und Handeln zu schließen. Das ist nicht kompliziert. Aber es ist verdammt unbequem.

Werte und Handeln in Einklang bringen: Die Kernfrage

„Wer will ich sein in dieser Welt?“ Das ist vielleicht die Kernfrage, die sich mir heute Morgen auf dem Balkon gestellt hat. Nicht: „Was muss ich tun?“ Sondern: „Wer will ich sein?“ Und daraus folgt: Wie kann ich leben, sodass meine Werte und mein Handeln zusammenpassen?

Ich stelle mir manchmal vor, wie ich später einmal zurückblicke auf mein Leben. Was würde ich mir wünschen, dass man über mich sagen kann? Was wird mal in meiner Abschiedsfeier über mich gesagt? Dass ich es mir bequem gemacht habe? Dass ich immer den einfachsten Weg gegangen bin? Oder dass ich – bei allen Fehlern und Unzulänglichkeiten – versucht habe, in Übereinstimmung mit meinen Werten zu leben, die Spannung zwischen Werten und Handeln so klein wie möglich zu halten?

Ikigai: Werte und Handeln vereinen

Die japanische Ärztin Mieko Kamiya hat von „Ikigai“ gesprochen, dem Schnittbereich zwischen dem, was ich liebe, worin ich gut bin, wofür ich bezahlt werden kann und was die Welt braucht. Wenn ich ehrlich bin: Ich bin noch auf der Suche nach diesem Punkt, an dem Werte und Handeln perfekt zusammenfinden. Ich taste mich heran, stolpere manchmal, korrigiere meine Richtung. Aber die Suche selbst gibt meinem Leben schon Struktur und Sinn.

Werte in Handeln übersetzen: Hoffnung durch Tun

Hier ist das Verrückte: Ich weiß nicht, ob wir die Welt retten können. Ich weiß nicht mal, ob meine kleinen Bemühungen, Werte und Handeln besser aufeinander abzustimmen, irgendeinen Unterschied machen. Aber – und das ist der Punkt – das muss ich auch nicht wissen. Ich kann handeln, als könnte ich die Welt retten, ohne fest damit zu rechnen. Ich kann so leben, dass die Zukunft, die ich mir wünsche, ein kleines bisschen wahrscheinlicher wird.

„Hoffnung durch Handeln“ nennen das manche. Ich nenne es: Dem eigenen Gewissen gerecht werden. Sich morgens im Spiegel ansehen können. Wissen, dass ich es zumindest versucht habe, die Kluft zwischen meinen Werten und meinem Handeln zu verkleinern.

Ja, das ist manchmal mühsam. Ja, ich komme an Grenzen. Ja, ich scheitere regelmäßig an meinen eigenen Ansprüchen. Aber genau dieses Hadern, diese Unvollkommenheit, macht es auch einfacher, mit anderen darüber zu reden. Nicht als jemand, der es besser weiß, sondern als jemand, der es besser machen möchte – dessen Werte und Handeln noch nicht perfekt zusammenpassen, der aber daran arbeitet.

Werte leben statt nur bekennen: Eine Einladung

Wenn Du das bis hierher gelesen hast, dann hast Du vermutlich ähnliche Gedanken. Dann kennst Du vielleicht auch diesen Spagat zwischen Wissen und Handeln, zwischen Anspruch und Wirklichkeit, diese ewige Spannung zwischen Werten und Handeln. Und dann lade ich Dich ein – nicht auf einen perfekten Weg, sondern auf einen Weg des Versuchens.

Was wäre, wenn wir uns jeden Morgen fragen: „Wer will ich heute sein?“ Nicht in großen, dramatischen Gesten, sondern in den kleinen Entscheidungen des Alltags. Bei der Frage, was ich esse, wie ich zur Arbeit komme, wie ich mit anderen Menschen spreche, wie ich meine Zeit verbringe. Kleine Schritte, um Werte und Handeln Schritt für Schritt besser aufeinander abzustimmen.

Fazit: Die Reise von Werten zu Handeln ist ein Prozess

Ich weiß nicht, ob das die Welt rettet. Aber ich weiß, dass es mir hilft, halbwegs mit mir im Reinen zu sein. Dass es den Abstand zwischen meinen Werten und meinem Handeln ein bisschen kleiner macht. Dass es mir erlaubt, wenn mich meine Urenkel irgendwann fragen sollten: „Was hast du eigentlich damals gemacht?“, eine Antwort zu geben, die ich selbst aushalten kann.

Der Konflikt zwischen Werten und Handeln wird nie vollständig gelöst werden. Von mir schjon gar nicht. Aber wir können alle daran arbeiten, diese Lücke kleiner zu machen. Jeden Tag ein bisschen. Nicht perfekt, aber beharrlich.

Heute Morgen auf dem Balkon, als die Sonne aufging, habe ich mir vorgenommen: Ich versuche es. Wieder. Und immer wieder. Weiter. Nicht perfekt, aber beharrlich. Nicht laut, aber konsequent. Nicht belehrend, aber einladend. Ich versuche, meine Werte in Handeln zu übersetzen – so gut ich kann.

Vielleicht machst Du ja mit?


Zusammenfassung für die Schnellleser unter uns: Werte vs. Handeln verstehen und überwinden

Die Diskrepanz zwischen unseren Werten und unserem Handeln ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Kognitive Dissonanz entsteht, wenn wir gegen unser besseres Wissen handeln. Die goldene Regel und das japanische Ikigai-Konzept bieten praktische Ansätze, um Werte und Handeln besser in Einklang zu bringen. Der Weg ist nicht perfekt, aber jeder kleine Schritt zählt.


Quellen: Dieser Blogbeitrag basiert auf Gedanken und Konzepten aus dem Buch von Maren Urner „Raus aus der ewigen Dauerkrise“ – nach zwei mal selbst lesen höre ich nun das Hörbuch – und ist inspiriert von weiteren weit schlaueren Menschen als ich, die über Werte, Verantwortung und sinnvolles Handeln nachgedacht haben.


Verwandte Themen: Kognitive Dissonanz, Wertekonflikt, Persönliche Entwicklung, Nachhaltigkeit im Alltag, Authentisch leben, Selbstreflexion, Goldene Regel, Ikigai, Verantwortung übernehmen