Über Schokolade, Scheidungen und die Frage, was ein gelungenes Leben ausmacht
Kurz vor Weihnachten bekam ich ein Buch geschenkt. Der Titel: „Wozu wir da sind“, im Untertitel „Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“. Der Autor ist Axel Hacke, der in der Süddeutschen eine feste Kolumne hat: „Die Toten der Woche“. Dort veröffentlicht er sehr individuelle Nachrufe. In Summe geht er der Frage nach, was ein gelungenes Leben ausmacht.
Bei der Lektüre dieses Buches fiel mir ein anderes Buch ein, das ich schon vor Jahren las. Ich kaufte es mir als Hörbuch und merkte ungefähr beim vierten Kapitel: Das kenne ich doch. Steht in meinem Schrank. Tatsächlich – da steht es. Ich nehme es raus, und ein Lesezeichen platzt mir entgegen.
Jetzt schließt sich der Kreis zu einem Satz, der mir seit Tagen durch den Kopf geht:
Ich bin glücklich mit meinem Leben.
Die vier Gesichter des Glücks
Das Buch, das ich wiederfand, ist von Maren Urner: „Raus aus der ewigen Dauerkrise“. Darin beschreibt sie vier Arten von Glück, die ich hier kurz zusammenfassen möchte – weil sie mir geholfen haben, meinen eigenen Satz besser zu verstehen.
1. Hedonistisches Glück
Der Geschmack von Schokolade. Der Siegestreffer der Lieblingsmannschaft. Die liebevolle Umarmung. Das sind die Momente, die wir als „Glücksmomente“ bezeichnen würden. Die Waagschale kippt kurz auf die Seite der positiven Emotionen.
Aber: Können wir ein Leben lang vergnügt sein?
Nein. Und deshalb gibt es Glück Nummer zwei.
2. Lebenszufriedenheit
Die Lebenszufriedenheit meint die Bilanz, die wir ziehen – ob auf dem Sterbebett oder zu jedem beliebigen Zeitpunkt im Leben. Wir können uns gerade vor Schmerzen winden und trotzdem eine hohe Lebenszufriedenheit haben. Mit anderen Worten: Unsere Lebenszufriedenheit ist nicht zwangsläufig davon abhängig, wie vergnügt wir unser Leben verbringen.
Das war für mich ein Augenöffner.
3. Eudaimonie
Die Idee vom guten („eu“) Geist („daimon“) geht auf Aristoteles zurück. Manchmal wird sie als „Glückseligkeit“ übersetzt und meint die Vorstellung, dass der Mensch nach einem wertvollen Leben strebt. Im Unterschied zur subjektiven Lebenszufriedenheit lässt sich diese Art von Glück anhand von äußeren Kriterien messen: beruflicher Erfolg, soziale Eingebundenheit, Gesundheit.
Das klingt zunächst attraktiv. Aber: Geht es beim Glück nicht gerade darum, dass es für jeden etwas Unterschiedliches bedeuten kann?
4. Erfüllung
Die Kernfrage hier lautet: Habe ich bekommen, was ich möchte?
Der Schokoladenfreund und die Chipsliebhaberin können in gleichem Maße „glücklich“ sein, obwohl sie auf unterschiedlichem Weg dorthin gekommen sind. Es geht nur um den Vergleich von Wunsch – Was will ich? – und Wirklichkeit – Was habe ich bekommen?
Die Sozialarbeiterin und ich
Maren Urner zitiert in ihrem Buch die US-amerikanische Psychologin Sonja Lyubomirsky, die sich seit Jahrzehnten mit der Glücksthematik beschäftigt:
„Stellen Sie sich eine Sozialarbeiterin vor, die ihren Job sehr bedeutungsvoll findet und sich nichts anderes vom Leben wünscht, als anderen Menschen zu helfen. Gleichzeitig sieht sie sich täglich mit Ungerechtigkeit und Verzweiflung konfrontiert – Situationen, die sie selten fröhlich stimmen.“
Diese Sozialarbeiterin schneidet auf der hedonistischen Glücksskala vermutlich schlecht ab. Aber nach den anderen drei Definitionen? Da gilt sie als glücklich. Sie lebt ein Leben gemäß ihren Wertvorstellungen.
Das brachte mich zum Nachdenken.
Der vollständige Satz: Ich bin glücklich mit meinem Leben.
Ich bin glücklich mit meinem Leben, auch wenn ich es so nie führen wollte.
Das ist der vollständige Satz.
Der zweite Teil – auch wenn ich es so nie führen wollte – ist nicht der Tatsache geschuldet, dass meine Frau vor fünf Jahren ausgezogen ist. Sondern dass sie zweieinhalb Jahre später unserer neuen, aufkommenden, wachsenden Liebe keine Chance gegeben hat. Unsere Renaissance hatte keine Zukunft.
Und dann?
Dann habe ich als Single mein Leben in die Hand genommen.
Bis ich heute sagen kann:
Ich bin glücklich mit meinem Leben.
Was bleibt
Hedonistisches Glück ist flüchtig. Lebenszufriedenheit ist eine Bilanz. Eudaimonie misst von außen. Erfüllung fragt nach dem Abgleich von Wunsch und Wirklichkeit.
Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass sich diese vier Arten von Glück nur zu etwa 50 Prozent überlappen. Das bedeutet: Man kann in einer Dimension unglücklich sein und in einer anderen zutiefst erfüllt.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis: Glück ist kein Entweder-oder. Es ist ein Sowohl-als-auch. Ein Leben kann schmerzhaft sein und dennoch gelingen. Es kann anders verlaufen als geplant und dennoch richtig sein.
Ich bin glücklich mit meinem Leben.
Auch wenn ich es so nie führen wollte.
Quellen
- Hacke, Axel (2019): Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben. München: Verlag Antje Kunstmann.
- Urner, Maren (2021): Raus aus der ewigen Dauerkrise. Mit dem Denken von morgen die Probleme von heute lösen. München: Droemer Verlag.
- Kahneman, Daniel & Deaton, Angus (2010): High income improves evaluation of life but not emotional well-being. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(38), 16489–16493. https://doi.org/10.1073/pnas.1011492107
